Superfoods

Ein genialer Marketing-Trick verzaubert das menschliche Gehirn: Während „gesundes Gemüse“ oder „Vollkorn“ eher abschreckend und lustfeindlich klingen, lässt der Begriff „Superfood“ die Herzen höher schlagen. „Superfoods“ gelten als hip und cool. Selbsternannte Ernährungsfachleute versprechen die Lösung aller Gesundheitsprobleme, Gewichtsabnahme meist inbegriffen. Was steckt hinter den als Superfoods gepriesenen Produkten? In dieser Serie wollen wir die am meisten beworbenen und beliebtesten „Superfoods“ unter die Lupe nehmen.
Titelbild: baibaz / AdobeStock

10 min merken gemerkt Artikel drucken

Spirulina und AFA: Wie gesund sind die Mikroalgen?

eine Schale mit grünen Tabletten, daneben eine weitere Schale mit dunkelgrünem Pulver, daneben liegt ein Holzlöffel mit grünen Kapseln
Spirulina und AFA-Algen werden als Pulver, Kapseln oder Tabletten verkauft. | Bild: 5second / AdobeStock

Wie bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln kursieren auch über Zubereitungen aus Spirulina und AFA-Algen zahlreiche Gesundheitsversprechen.  

Beide verfügen durchaus über gesunde Inhaltsstoffe. Eine heilende Wirkung – und die zugehörigen Health Claims – sind jedoch Arzneimitteln vorbehalten.  

Was ist also dran an den „blauen Wundern“? Welche Vitamine und Mineralstoffe enthalten sie? Und was nützen diese gesunden Menschen, an die sich Nahrungsergänzungsmittel richten?

Spirulina – ein kultiviertes Bakterium 

Spirulina platensis heißt heute, nach korrigierter Gattungszuordnung, Arthrospira platensis. „Spirulina“ ist somit nur noch ein Trivialname beziehungsweise eine Handelsbezeichnung für die zugehörigen Nahrungsergänzungsmittel und Zubereitungen.

Es handelt sich um ein Cyanobakterium (früher „Blaualge“), das vor allem flache, subtropische bis tropische Gewässer mit hohem Salzgehalt besiedelt, vor allem in Mittelamerika, Südostasien, Afrika und Australien. Das Bakterium bildet mehrzellige fadenförmige Proteinstrukturen aus, die sich deckenartig auf dem Wasser ablagern. Es kommt aber auch im Süßwasser vor.  

Gewerblich wird Spirulina heute in Aquakulturen (ähnlich großen Gewächshäusern) auch in Deutschland gezüchtet, durch Filtern oder Zentrifugieren „geerntet“ und anschließend warmluft- oder gefriergetrocknet und gemahlen.

Inhaltsstoffe von Spirulina

In manchen Ländern wie Indien oder dem afrikanischen Burkina Faso verwenden die Menschen Spirulina seit alters her als Nahrungsmittel. Der Nutzen als Eiweiß-, Eisen- und Vitamin-A-Quelle ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unbestritten. Daran herrscht in Deutschland allerdings kein Mangel.

Anders als beispielsweise die Süßwasser-Mikroalge Chlorella hat Spirulina keine Zellulosewände. Daraus schließt man im allgemeinen Konsens, dass die Inhaltsstoffe der Zelle besonders gut bioverfügbar sind.

Laut Bundeslebensmittelschlüssel liefern 100 Gramm getrocknete Spirulina etwa 60 Gramm Eiweiß, 19,8 Milligramm Eisen und 3,6 Milligramm Beta-Carotin sowie 1.820 Mikrogramm Folate.

Das in Spirulina enthaltene Vitamin B12 liegt allerdings nach Auskunft des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel (Max Rubner-Institut) zu etwa 80 Prozent in einer für den Menschen nicht verwertbaren Form vor, ist also für vegan essende Menschen keine Hilfe.  

Ganz im Gegenteil: Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Vitamin-B12-Analoga die Aufnahme von verwertbarem Vitamin B12 blockieren, indem sie die Transportsysteme belegen. Zudem zeigen Analysen der Lebensmittelüberwachung, dass die tatsächlichen Vitamin-B12-Gehalte meist unter den angegebenen Mengen liegen.

Zweifelhafte Versprechen der Spirulina-Anbieter

In Europa kam Spirulina vor einigen Jahrzehnten als Mittel der Alternativmedizin auf den Markt, anfangs vor allem als „Wundermittel“ zum Abnehmen.  

Inzwischen gibt es in Onlineshops, aber auch in Bioläden und Reformhäusern, eine riesige Palette an Spirulina-Nahrungsergänzungsmitteln in Form von Tabletten, Presslingen, Pulvern oder Flocken. Außerdem wird Spirulina als blaufärbende Zutat für Lebensmittel angeboten.

Auch wenn die Hersteller dieser Präparate nicht mit Gesundheitsversprechen werben dürfen, findet man solche in Hülle und Fülle – meist als persönliche Erfahrungsberichte in Internetforen oder als redaktionelle Beiträge von Gesundheitsmagazinen.  

So soll Spirulina den Alterungsprozess verlangsamen, das Immunsystem stärken, vor Viren und Krebs schützen, allergische Reaktionen abmildern, Blutfette und Blutdruck senken, sich positiv auf den Blutzucker auswirken, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern und sogar HIV-Infektionen vorbeugen.

Spirulina-bezogene Gesundheitsversprechen nicht belegbar

Belastbare Studien, die dies nachweisen würden, existieren kaum – und wenn, dann nur in mangelnder Qualität. Es gibt zwar viele Untersuchungen an Zellkulturen und Tieren; Rückschlüsse auf den Menschen sind aber nicht zulässig.  

Ohnehin sind Heilung, Linderung oder Behandlung von derartigen Krankheiten  nicht die Aufgabe von Nahrungsergänzungsmitteln, die sich grundsätzlich an gesunde Menschen richten. Für Kranke gibt es Arzneimittel – allerdings keine mit Spirulina.

Auch der in Werbeaussagen immer wieder betonte hohe Proteingehalt, der laut Verbraucherzentralen theoretisch einen leicht hungerdämpfenden Effekt haben könnte, relativiert sich bei nüchterner Betrachtung ganz schnell.

Man muss nur die empfohlene Tagesdosis von 1,5 bis sechs Gramm der verschiedenen Spirulina-Zubereitungen ins Verhältnis setzen zu der täglich benötigten Proteinmenge. Diese beträgt 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht bei Erwachsenen bis 65 Jahren, also 56 Gramm bei einem Körpergewicht von 70 Kilogramm. 

Richtlinien für Spirulina-Präparate 

Wer Spirulina-Zubereitungen kaufen will, sollte wissen: Es gibt in der Europäischen Union keine Qualitätsstandards für solche Produkte. Man kann aber auf rückstandskontrollierte Ware aus europäischer Produktion achten – idealerweise aus geschlossenen Systemen, die Verunreinigungen unwahrscheinlicher machen.  

Immer mehr Anbieter werben inzwischen auch mit DIN ISO- & GMP-zertifizierter Produktion, eigenen Schadstoffkontrollen und Analysezertifikaten.

Außerdem gibt es Spirulina aus Bio-Aquakultur. Die Produktionsbedingungen sind in einer seit Januar 2022 geltenden EU-Öko-Basisverordnung geregelt. Zusätzlich gibt es vom Öko-Verband Naturland Richtlinien für die ökologische Aquakultur von Mikroalgen, die auch für Bio-Spirulina mit Naturland-Zeichen gelten.

Mögliche Schadstoffe in Spirulina 

Die Verbraucherzentralen haben im Lauf der vergangenen rund 15 Jahre eine Liste mit möglichen Belastungen von Spirulina-Produkten zusammengestellt:

Da Spirulina häufig in offenen Systemen gezüchtet wird, kann es zu einem Mix mit Grünalgen oder anderen Cyanobakterien kommen. Diese können Microcystine erzeugen, die als krebserzeugend, lebertoxisch und nervenschädigend gelten.

Es besteht auch die Gefahr der Verunreinigung mit Darmbakterien, zum Beispiel über Vogelkot. Als typisches Naturprodukt kann Spirulina außerdem Kleinstlebewesen wie Wasserflöhe enthalten.  

In früheren Untersuchungen wurden Schwermetallbelastungen (Blei, Cadmium und Quecksilber) durch verschmutztes Zuchtwasser festgestellt. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittel (EFSA) ist außerdem eine erhöhte Exposition mit anorganischem Arsen durch vermehrten Verzehr algenhaltiger Nahrung möglich.

Auch gab es im europäischen Schnellwarnsystem RASFF regelmäßig Meldungen über zu hohe Mengen an krebserregenden aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in Spirulina, vermutlich durch Kontamination infolge unsachgemäßer Trocknung. Seit 2015 gibt es daher PAK-Höchstwerte für Nahrungsergänzungsmittel mit Spirulina.  

2021 fielen einige Produkte durch das verbotene, krebserregende Pestizid Ethylenoxid auf. 2024 wurde in Spirulina-Produkten die Kontamination mit Mikroplastik, insbesondere Polypropylen und Polystyrol, dokumentiert.

Gut zu wissen: Gegenanzeigen und Wechselwirkungen von Spirulina

Spirulina ist nicht geeignet für Personen mit Phenylketonurie, da die Mikroalge Phenylalanin enthält, das bei dieser Stoffwechselstörung nicht abgebaut werden kann und zu geistigen Entwicklungsstörungen mit Epilepsie führt.  

Außerdem bindet Spirulina Eisen, sodass es möglicherweise zu einer Eisenunterversorgung kommt, wenn man es mit dem Verzehr übertreibt.

Es sind darüber hinaus Wechselwirkungen mit Medikamenten möglich, insbesondere mit Antidiabetika, Immunsuppressiva, Gerinnungshemmern und Blutverdünnern.

Auch Allergien auf Spirulina-Produkte kommen vor.

AFA-Alge – aus der Natur, aber nicht „bio“

Die Grüne Spanalge, nach ihrem lateinischen Namen „Aphanizomenon flos-aquae“ auch als AFA-Alge bekannt, ist wie Spirulina eine Cyanobakterien-Art. Sie wird im Volksmund auch als Uralge oder blaue beziehungsweise blaugrüne Alge bezeichnet.  

Anders als Spirulina und Chlorella wird die AFA-Alge nicht in Kulturen gezüchtet, sondern fast ausschließlich aus einem natürlichen Süßwassersee, dem Klamath-See in Oregon, USA, geerntet.  

Daher wird häufig die Bezeichnung „Bio-AFA-Alge“ verwendet, obwohl diese weder gerechtfertigt noch nach EU-Bioverordnung erlaubt ist. Zwar gilt die Verordnung auch für die Sammlung von Wildalgen aus Binnenseen, die Kriterien sind aber so streng, dass sie bei der Ernte der AFA-Algen nicht eingehalten werden können.

Für die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln werden die Algen abgefischt, gewaschen, gefiltert und luft-, sprüh-, gefriergetrocknet. Als Pulver oder Pressling finden sie ihren Weg zu den Kunden meist über Internetshops.

AFA-Alge – Wundermittel gegen ADHS?

Um die Mikroalge ranken sich zahlreiche Gesundheits- und Heilversprechen, unter anderem als alternatives Heilmittel bei neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer und bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).  

Auch wird sie als das „vitalstoffreichste natürliche Lebensmittel“, „Lebensmittel der Superlative“ oder „Brainfood“ beschrieben. Keines der vollmundigen Versprechen ist wissenschaftlich belegt.

In der EU sind keine Health Claims für AFA-Algen zugelassen und auch keine beantragt worden. Dagegen finden sich deutliche Warnhinweise im Internet, dass AFA-Algen kein Heilmittel für hyperaktive Kinder sind.

Schadstoffe in AFA-Algen

Die Verbraucherzentralen warnen vor einer ganzen Reihe von Schadstoffen, die mitunter in AFA-Algen vorkommen:  

So können bestimmte Stämme der Algenart Toxine bilden, die das Nervensystem angreifen. Außerdem sind AFA gelegentlich mit anderen Cyanobakterien wie Microcystis oder Planktothrix verunreinigt, die unter Umständen die auch bei Spirulina möglichen gesundheitsschädlichen Microcystine erzeugen.

Solche Microcystine wurden in früheren Prüfungen der Stiftung Warentest und des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Sigmaringen in allen AFA-Proben nachgewiesen. Die gefundenen Mengen könnten zumindest bei Kindern zum Überschreiten der von der WHO festgelegten provisorischen tolerierbaren täglichen Aufnahmemenge führen.

Seit starken Algenblüten im Klamath-See in den Jahren 2014 und 2015 richtet die nationale Gesundheitsbehörde FDA in den USA großes Augenmerk auf die Produktion von AFA und sorgte vor allem 2018 und 2020 für zahlreiche Produktrückrufe.  

Deutsche Vertreiber geben häufig an, dass alle Erntechargen gefiltert und auf Microcystine kontrolliert würden. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass durch das Filtern tatsächlich Microcystine entfernt werden.  

AFA sind ein typisches Naturprodukt. Beim Abfischen lässt sich daher eine Kontamination beispielsweise mit Wasserflöhen und anderen Kleinlebewesen im Wasser oder auch mit Mikroalgen nicht vermeiden.  

Außerdem gibt es durch die offene Lage von Seen einen Eintrag von Vogelkot mit entsprechenden mikrobiellen Verunreinigungen durch Bakterien.

Gesunde Inhaltsstoffe der AFA-Alge

Wie in anderen Cyanobakterien und Mikroalgen sind in AFA-Algen vor allem Eiweiß (rund 60 Prozent), Polysaccharide (etwa 25 Prozent) und Fett (circa fünf Prozent) sowie die Pflanzenfarbstoffe Chlorophyll und Beta-Carotin enthalten.  

Der Energiegehalt wird mit rund 260 Kilokalorien pro 100 Gramm angegeben. Da AFA-Algen aus einem Süßwasser-Binnensee stammen, ist der Jodgehalt sehr gering.

Unter den verschiedenen enthaltenen Vitaminen wird häufig besonders der hohe Vitamin-B12-Gehalt herausgestellt. Allerdings liegt das Vitamin wie auch bei Spirulina überwiegend in einer für den Menschen nicht nutzbaren Form vor.

Daneben heben AFA-Anbieter und -Anhänger den Gehalt an Alpha-Linolensäure, einer Omega-3-Fettsäure, hervor. Dieser beträgt pro AFA-Tagesdosis von 1,5 Gramm jedoch nicht einmal zehn Prozent (45 bis 139 Milligramm) des von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen Richtwertes von eins bis 1,5 Gramm.  

Häufig wird auch über die Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) berichtet, die für die Hirn-, Augen- und Nervensystem-Entwicklung von Babys essenziell ist. Tatsächlich kommt diese aber vor allem in fettem Meeresfisch vor. Wie viel DHA wirklich in AFA enthalten ist, schreibt kein Anbieter. Eine Aussage zu DHA ohne Mengenangabe ist jedoch nicht zulässig.

Aufgrund der geringen Mengen an Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen und Fettsäuren ist ein positiver Effekt von AFA als Nahrungsergänzungsmittel nach Ansicht der Verbraucherzentralen fraglich. Zudem ließen sich die Inhaltsstoffe leicht über eine ausgewogene Ernährung aufnehmen.

Gut zu wissen: Warnhinweise in Bezug auf AFA-Algen

Es sind Wechselwirkungen mit Medikamenten wie Immunsuppressiva, Blutgerinnungshemmern und bestimmten Analgetika möglich. Daher sollte vor dem Verzehr von AFA ärztlicher Rat eingeholt werden.

Personen mit Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose, Lupus oder rheumatoider Arthritis sollten auf AFA verzichten, da die Erkrankung laut Patientenberichten verschlimmert werden könnte.  

Darüber hinaus können schon sehr kleine Mengen von Microcystinen den Stoffwechsel der entzündungsfördernden Arachidonsäure beeinflussen.

Sind Spirulina und AFA-Algen nun gesundheitsfördernd?

Die Cyanobakterien Spirulina und AFA besitzen ein für den Menschen günstiges Proteinmuster. Der Verzehr von Nahrungsergänzungsmitteln mit den typischen geringen Mengen von wenigen Gramm bietet jedoch keinen gesundheitlichen Nutzen.

Gesundheitsversprechen sind nicht erlaubt und die häufig berichteten Heilwirkungen wissenschaftlich nicht belegt. Darauf weisen das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ausdrücklich hin.

Abgesehen davon betonen die Verbraucherzentralen, dass Nahrungsergänzungsmittel im Gegensatz zu Arzneimitteln nicht dazu bestimmt sind, Krankheiten zu heilen, zu lindern oder zu therapieren. In Deutschland sei kein cyanobakterienhaltiges Arzneimittel zugelassen und auch keine Zulassung beantragt. Quellen:
- https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/spirulina-viel-gruen-und-wenig-dahinter-21053
- https://de.wikipedia.org/wiki/Spirulina
- https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/afaalgen-kein-blaues-wunder-21051
- https://de.wikipedia.org/wiki/Grüne_Spanalge
 

Zurück