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Frühjahrsmüdigkeit: Was dahintersteckt

Im Frühjahr fühlen sich viele Menschen erschöpft – dafür gibt es hierzulande sogar einen eigenen Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Erklärungen, wie es zu dem Frühjahrstief kommen kann, gibt es viele.
Eine Schweizer Studie sagt nun: Das Phänomen gibt es eigentlich gar nicht. Stattdessen sorge der bekannte Begriff der Frühjahrsmüdigkeit lediglich dafür, dass wir verstärkt auf Müdigkeit achten.
Frühjahrsmüdigkeit als selbsterfüllende Prophezeiung
Demnach gaben in einer Online-Umfrage zwar viele Menschen an, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. Aber detaillierte Befragungen von Hunderten Menschen über ein Jahr hinweg ergaben darauf keinerlei Hinweis.
Bei dem vielbeschworenen Phänomen handele es sich nach den Erkenntnissen der Forscher um einen Mythos im deutschsprachigen Raum, schreiben Christine Blume von der Universität Basel und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern im „Journal of Sleep Research“. Der sei gerade dadurch so mächtig, weil der Begriff Frühjahrsmüdigkeit so fest etabliert sei. Demnach handelt es sich quasi um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.
Gut zu wissen: Frühjahrsmüdigkeit in anderen Ländern unbekannt
Das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit ist in der Art nur im deutschsprachigen Raum bekannt. In anderen Sprachen und Ländern gibt es dafür keine Entsprechung.
In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff „spring fever“. Dieses „Frühlingsfieber“ wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie.
Frühjahrsmüdigkeit durch veränderten Lebensstil?
Als Erklärung für Frühjahrsmüdigkeit wird mitunter angeführt, dass sich die Ernährung vom Winter zum Frühling unterscheidet: Wir ernähren uns im Winter meist fetter und bekommen weniger Vitamine und Spurenelemente ab. Zudem bewegen wir uns deutlich weniger an der frischen Luft.
Der Frühling fordert uns nun zu mehr Aktivität und da fehlt es dann an „Power“. Bei steigenden Außentemperaturen weiten sich zudem die Blutgefäße und der Blutdruck sinkt. Daran müsse sich der Körper erst gewöhnen.
Zu viel Melatonin im Winter?
Ein weiterer vermuteter Grund liegt in der Schlafdauer. Diese soll im Schnitt im Winter 20 bis 45 Minuten länger sein.
Zudem wird oft auf Hormone verwiesen – etwa auf einen Überschuss von Melatonin nach dem Ende des Winters. „Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, sagt Expertin Blume. Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. „Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.“
Frühjahrsmüdigkeit: Machen die längeren Tage müde?
„Im Frühling werden die Tage schnell länger“, sagt Blume. „Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss.“
Um die Frage zu klären, starteten Blume und Vorster vor zwei Jahren eine Online-Befragung. Dabei machten 418 Menschen ab April 2024 ein Jahr lang alle sechs Wochen Angaben zu Schlaf und Müdigkeit. Mit 47 Prozent gab zwar fast die Hälfte der Befragten an, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein.
Doch die Einzelbefragungen im Jahresverlauf lieferten dafür keine Bestätigung: Es gab weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität in dieser Jahreszeit.
Nocebo-Effekt bei der Frühjahrsmüdigkeit
Doch woher stammt der Glaube an Frühjahrsmüdigkeit dann? Ein Verdacht: Alleine die Verbreitung dieses Mythos könnte Menschen für eine solche Wahrnehmung empfänglicher machen – gerade weil der Begriff so etabliert ist. Psychologen sprechen von einem Labeling-Effekt: Wein schmeckt Menschen etwa dann besser, wenn ihnen gesagt wird, dass er besonders teuer war.
„Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun“, erläutert die Forscherin. „Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ‚Symptome‘.“
Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt – also der Bestätigung einer negativen Erwartung. Ähnlich wie beim Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartung die Wahrnehmung prägt.
Eine weitere psychologische Erklärung wäre die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Demnach steigt am Ende der dunklen kalten Jahreszeit der Anspruch, steigende Temperaturen und besseres Wetter ausnutzen zu wollen – für Joggen, Ausflüge, Verabredungen.
Wenn dann der dafür nötige Energieschub ausbleibt, bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine beruhigende Erklärung – insbesondere wenn sie von anderen Menschen im Umfeld bestätigt wird.
Gut zu wissen: Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit?
Wer das Gefühl hat, unter einer Frühjahrsmüdigkeit zu leiden, und den durch die Uhrumstellung bedingten „Mini-Jetlag“ schnell überwinden will, sollte sich am besten einer Lichttherapie unterziehen.
Besonders am Morgen kann eine Tageslichtlampe dabei helfen, sich schneller wach zu fühlen, denn Licht stoppt die Melatonin-Produktion.
Und die Frühstücks- und Mittagspause verlegt man nach Möglichkeit ins Freie. Abends sollte man dagegen die Lichtquellen reduzieren, um einen erholsamen Schlaf zu fördern.