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Studie in China: Nach COVID-Impfung: Künstliche Befruchtung pausieren?

Frau spritzt sich Auslösespritze in den Bauch.
Senkt eine COVID-19-Impfung die Wahrscheinlichkeit per IVF schwanger zu werden? | Bild: Suzi Media / AdobeStock

Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe. Ihnen wird daher explizit die COVID-19-Impfung ab dem zweiten Trimenon empfohlen – ebenso wie die Influenza- und Pertussisimpfung. Am besten sind Frauen schon bevor sie schwanger werden vollständig geimpft. Doch wie sieht es bei unerfülltem Kinderwunsch aus? Ist für die Kinderwunschbehandlung mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) eine Wartezeit nach der Impfung sinnvoll?

Zur Erinnerung: Schwangerschaftswochen vs. Trimenon

Eine normale Schwangerschaft dauert ca. 9 Monate, was ungefähr 40 Wochen entspricht. Die Einteilung dieser Zeitspanne erfolgt sowohl anhand von Schwangerschaftswochen als auch in Form von Schwangerschaftsdritteln:

  • Das erste Drittel (Trimenon) besteht aus Schwangerschaftswoche 1 bis 12,
  • das zweite Trimenon beinhaltet Schwangerschaftswoche 13 bis 28 und
  • das dritte und letzte Trimenon umfasst Schwangerschaftswoche 29 bis 40.

Die Studie

Genau mit dieser Frage haben sich Wissenschaftler in China beschäftigt. In einer Studie beobachteten sie dabei den Verlauf der IVF-Behandlung von 3.052 Frauen. Nach hormoneller Stimulation und Eizellentnahme wurde ihnen ein Embryo transferiert. Rund zwei Wochen später stellten Ärzte dann mittels Bluttest fest, ob die IVF-Behandlung erfolgreich war und eine Schwangerschaft eingetreten ist oder nicht.

Der Nachweis des Schwangerschaftshormons HCG (humanes Choriongonadotropin) wird auch als biochemische Schwangerschaft bezeichnet, während eine klinische Schwangerschaft mittels Ultraschall erst ein bisschen später festgestellt werden kann. In der Studie lag das Augenmerk auf den Schwangerschaften, die länger als zwölf Wochen anhielten.

Seltener schwanger kurz nach COVID-Impfung

Tatsächlich war die Schwangerschaftsrate bei den Frauen am geringsten, die innerhalb von 30 Tagen vor der IVF eine COVID-19-Impfung erhalten hatten. Bei ihnen fruchteten nur 34,3 Prozent der Behandlungen. Im Vergleich dazu: Bei der ungeimpften Gruppe lag die Erfolgsquote bei 60,3 Prozent – für Schwangerschaften über mindestens zwölf Wochen. 

Fand die Impfung an Tag 31 bis 60 vor dem Embryotransfer statt, lag die Quote mit 36,2 Prozent ebenfalls signifikant niedriger als bei der ungeimpften Gruppe. Erst bei einem Impfabstand von mindestens 61 Tagen war der Unterschied nicht mehr signifikant, ab 90 Tagen war schließlich kein Unterschied mehr feststellbar.

Aber: zweite Impfung zum Zeitpunkt des Embryotransfers

Die Autoren weisen selbst auf einige Schwächen ihrer Studie hin. So waren die geimpften Frauen beispielsweise im Schnitt etwas älter als jene aus der Vergleichsgruppe. Andererseits könnten die Frauen, die zuerst geimpft wurden, gesünder gewesen sein. Denn je nach Impfstrategie wurden zunächst unentbehrliche Mitarbeiter geimpft, wie beispielsweise Ärzte.

Interessanterweise konnten andere Untersuchungen bisher keinen Zusammenhang zwischen Impfung, Zeitabstand und Schwangerschaftsrate oder gar Embryoqualität beziehungsweise Anzahl der gewonnenen Eizellen bei IVF feststellen. 

Allerdings lohnt hier ein genauer Blick: In der vorliegenden Studie bezieht sich der beschriebene Zeitabstand zwischen Impfung und IVF auf den Erhalt der ersten Impfdosis. Die 667 geimpften Patientinnen erhielten aber zwei Impfdosen. Die zweite Dosis erfolgte vier bis sieben Wochen nach der ersten Dosis – also mitunter genau zum Zeitpunkt des Embryotransfers.  

Inflammatorische Prozesse stören Entwicklung des Embryos

Die Autoren mutmaßen, dass potenzielle inflammatorische Prozesse nach der Impfung die frühe Embryoentwicklung und Einnistung stören könnten. Sie konstatierten, dass ihre Studie viele Patientinnen einschloss, die die Impfung unmittelbar vor der IVF-Behandlung erhielten. Frühere Studien zählten hingegen erst Frauen nach der zweiten Impfung zu der Kohorte der Geimpften oder differenzierten beispielsweise nicht nach dem Zeitabstand. 

Die Auswahlkriterien der Studienteilnehmerinnen seien nach Ansicht der Wissenschaftler ein Grund für die abweichenden Ergebnisse der aktuellen Untersuchung von vorherigen Studienergebnissen, heißt es. Auch das Auftreten von SARS-CoV-2-Varianten könnte die Studienergebnisse beeinflusst haben.

COVID-Impfung bei Kinderwunsch wird empfohlen

Die Studie bezog sich ausschließlich auf Frauen, die einen inaktivierten COVID-19-Impfstoff erhalten hatten. Während dieser in China und asiatischen Ländern am häufigsten verwendet wurde, wurden in Europa und den USA vornehmlich mRNA-Vakzinen verabreicht. Die Ergebnisse dürfen also nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden. (Inaktivierte Ganzvirusimpfstoffe sind z. B. CoronaVac von Sinovac, Covilo von Sinopharm oder Covaxin von Bharat Biotech International Ltd.).

Grundsätzlich dauert es rund zwei Wochen, ehe der Antikörperschutz nach einer Impfung voll ausgebildet ist. Um auch im ersten Trimenon vor einem schweren Verlauf geschützt zu sein, empfiehlt das Robert Koch-Institut explizit bei Kinderwunsch eine COVID-19-Impfung. Lediglich bei Lebendimpfstoffen – also MMR, nicht jedoch COVID-19 – wird eine Wartezeit von einem Monat empfohlen, ehe eine geplante Schwangerschaft eintreten soll.  

ESHRE: kaum Wartezeit zwischen Impfung und Kinderwunschbehandlung 

Zunächst hatte die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) vor einer Kinderwunschbehandlung empfohlen, eine Wartezeit von zwei Monaten in Erwägung zu ziehen, solange genauere Informationen fehlen. Doch schon im Juni 2021 hat die Fachgesellschaft ein aktualisiertes Statement veröffentlicht und hält seitdem nur noch ein paar Tage Abstand nach der Impfung für nötig. 

Weitere Untersuchungen werden zeigen müssen, ob eine längere Wartezeit sinnvoll ist oder nicht. Vor dem Hintergrund der körperlichen, emotionalen und nicht zuletzt finanziellen Belastung, die mit einer IVF-Behandlung einhergeht, könnte sie bei ängstlichen Paaren sicherlich dennoch erwogen werden. Dieses Vorgehen sollten Paare individuell mit ihrem Arzt besprechen.