In der Apotheke werden PTA mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Lesen Sie hier die tagesaktuellen News aus den Bereichen Pharmazie, Forschung, Ernährung, Gesundheit und vielem mehr. Bleiben Sie informiert, um Ihre Kunden stets kompetent zu beraten.
Polio: Impfmüdigkeit verhindert Ausrottung

Im Jahr 2024 wurden Polio-Viren in Abwasserproben von fünf europäischen Ländenr nachgewiesen. Auch Deutschland war betroffen. Dieses Jahr gab es erneut positive Abwasserproben hierzulande. Nun ordnet das Robert Koch-Institut (RKI) anlässlich des Welt-Polio-Tages diese Befunde im Epidemiologischen Bulletin 43|25 ein.
Zur Erinnerung: Was ist Poliomyelitis?
Poliomyelitis (Kinderlähmung) ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, die durch Polio-Viren (Enterovirus) verursacht wird und hauptsächlich Kinder unter fünf Jahren befällt. Die Viren werden vor allem fäkal-oral durch Schmierinfektion übertragen. Die Erkrankung breitet sich vor allem dort aus, wo schlechte hygienische Bedingungen vorherrschen.
Häufig verläuft Poliomyelitis so harmlos wie ein grippaler Infekt. Kritisch wird die Erkrankung, wenn das Zentralnervensystem befallen wird. Dann kann es zu den bleibenden Lähmungen kommen, die der Erkrankung den Namen „Kinderlähmung“ gegeben haben. Die Krankheit kann nicht geheilt werden, man kann jedoch eine Infektion mit einer Polio-Impfung verhindern.
Eine häufige Spätfolge der Kinderlähmung ist das Post-Polio-Syndrom: Jahrzehnte nach der akuten Erkrankung kommt es zu Muskelschwund, Lähmungen, Atemproblemen etc.
Nach aktuellem Stand wurden in folgenden Städten Polio-Viren im Abwasser detektiert: Berlin, Bonn, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, Mainz, München und Stuttgart.
Bei den gefundenen Erregern handelt es sich nicht um den Wildtyp des Polio-Virus, sondern um Viren, die auf die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung mit abgeschwächten, aber lebenden Polio-Erregern zurückgehen.
Die kursierenden Erreger wurden wahrscheinlich von Menschen eingeschleppt, die in ihrem Land die vor allem in Afrika und Asien noch weit verbreitete Schluckimpfung erhalten haben.
Vermehrung der Polio-Impfviren birgt Risiko
Erhält jemand die Schluckimpfung, können sowohl der Impfling selbst als auch Kontaktpersonen – in sehr seltenen Fällen – an sogenannter Impf-Polio erkranken. Die Symptome sind von Polio durch Wildviren nicht zu unterscheiden.
Eine fortlaufende Vermehrung der Impfviren birgt das Risiko, dass sich der abgeschwächte Erreger verändert und das Nervensystem infizieren kann – mit den poliotypischen Lähmungen als mögliche Folge.
Polio: Impfung weiterhin wichtigster Schutz
Das RKI weist im aktuellen Epidemiologischen Bulletin darauf hin, dass eine vollständige Impfung „der wichtigste Schutz vor der Erkrankung“ darstellt. Weiter heißt es, dass die Impfquoten in Deutschland je nach Bundesland und Region stark variierten und die Grundimmunisierung oft verzögert abgeschlossen werde.
„So wurde zwar bei 96 % aller Kinder des Geburtsjahrgangs 2021 eine Grundimmunisierung gegen Poliomyelitis begonnen, zum ersten Geburtstag hatten jedoch erst 21 % die Grundimmunisierung abgeschlossen.“
Gut zu wissen: Wie lautet das Impfschema bei Polio?
Als vollständig immunisiert gelten Personen,
- die im Säuglings- und Kleinkindalter eine vollständige Grundimmunisierung und mit 9 bis 16 Jahren eine Auffrischimpfung erhalten haben, bzw.
- Erwachsene, die zu einem späteren Zeitpunkt grundimmunisiert wurden und zehn Jahre nach Abschluss der Grundimmunisierung eine Auffrischimpfung erhalten haben.
Gefahr eines Wiedereintrags von Polio real
Das Ziel, nach der Ausrottung der Pocken 1980 auch Polio Geschichte werden zu lassen, bleibt für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiterhin bestehen. Demnach stuft die WHO Polio weiterhin als gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite ein.
„Die Gefahr eines Wiedereintrags von Polioviren in bereits poliofreie Gebiete bleibt bis zur globalen Eradikation real“, heißt es im Fazit des Epidemiologischen Bulletins vom RKI. Das zeige sich auch durch die Abwassernachweise.
„Trotz insgesamt hoher Impfbereitschaft in Deutschland bestehen in einigen Bevölkerungs- und Altersgruppen weiterhin Impflücken, die dringend geschlossen werden müssen“, betont das RKI. Quelle: dpa / vs
Epidemiologisches Bulletin 43|25