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Welchen Einfluss haben Arzneimittel auf das Demenzrisiko?

Demenz gehört zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen weltweit. Die Zahl der Betroffenen steigt weiter an. Für Patienten und Angehörige ist die Erkrankung oft mit hoher Belastung verbunden. Die derzeit verfügbaren Medikamente lindern vor allem Symptome. Den Krankheitsverlauf können sie nur begrenzt beeinflussen.
In den letzten Jahren wurden neue Therapien entwickelt, die in frühen Krankheitsstadien messbare Effekte zeigen. Gleichzeitig ist klar, dass Demenz eine sehr komplexe Erkrankung ist. Ein einzelner Wirkmechanismus wird voraussichtlich nicht ausreichen.
Deshalb rückt eine weitere Frage stärker in den Fokus. Forscher prüfen, ob bereits zugelassene Medikamente, die eigentlich für andere Erkrankungen gedacht sind, das Demenzrisiko beeinflussen könnten.
Welche Medikamente haben einen Einfluss auf das Demenzrisiko?
Um dieser Frage nachzugehen, wurden 14 internationale Studien systematisch ausgewertet. Die Studien nutzten Routinedaten aus dem Gesundheitswesen. Dazu zählten elektronische Patientenakten und Abrechnungsdaten von Krankenkassen.
Insgesamt wurden Daten von rund 139 Millionen Menschen analysiert. Darunter befanden sich mehr als eine Million Personen mit einer Demenzdiagnose. Der besondere Ansatz dieser Studien war, dass sie nicht einzelne Medikamente gezielt untersuchten. Stattdessen analysierten sie eine große Zahl tatsächlich verordneter Arzneimittel gleichzeitig.
Ziel war es, wiederkehrende Muster zu erkennen. Welche Medikamente traten bei Menschen mit späterer Demenzdiagnose häufiger auf? Welche wurden seltener verordnet? Die Studien unterschieden sich deutlich in Aufbau und Auswertung. Deshalb konnten die Ergebnisse nicht zusammengefasst werden. Sie wurden stattdessen vergleichend beschrieben.
Arzneimittelgruppen mit Hinweisen auf ein geringeres Demenzrisiko
Ein eindeutiger Schutz durch einzelne Wirkstoffe ließ sich nicht zeigen. Dennoch fanden sich bei bestimmten Arzneimittelgruppen wiederholt ähnliche Hinweise.
Antimikrobielle Medikamente wie Antibiotika oder antivirale Wirkstoffe waren in mehreren Studien mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden. Auch Impfungen traten häufiger bei Menschen ohne spätere Demenzdiagnose auf. Diese Ergebnisse passen zu der Annahme, dass Infektionen und das Immunsystem bei der Entstehung von Demenz eine Rolle spielen könnten.
Auch entzündungshemmende Medikamente zeigten in mehreren Auswertungen günstigere Zusammenhänge. Entzündungsprozesse gelten inzwischen als wichtiger Faktor bei Alzheimer und anderen Demenzformen. Der Zeitpunkt der Anwendung könnte dabei entscheidend sein.
Blutdruck- und cholesterinsenkende Medikamente tauchten ebenfalls in Studien mit eher günstigen Signalen auf. Gleichzeitig zeigte die Gesamtauswertung, dass die Datenlage für Blutdrucksenker widersprüchlich ist. Je nach Studie fanden sich sowohl Hinweise auf ein niedrigeres als auch auf ein höheres Risiko.
Medikamente, die häufiger vor einer Demenzdiagnose verordnet wurden
Neben möglichen Schutzsignalen zeigten sich auch Arzneimittelgruppen, die in den Datensätzen häufiger im Zusammenhang mit späteren Demenzdiagnosen auftraten.
Antipsychotika waren in mehreren Studien mit einem erhöhten Risiko verbunden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Unruhe, Aggressivität oder Wahn frühe Anzeichen einer Demenz sein können. Diese Medikamente werden dann wegen der Symptome eingesetzt. Das verzerrt die statistische Auswertung.
Auch Antidepressiva traten häufiger bei Menschen mit Demenz auf. Die Studien zeigten hier jedoch widersprüchliche Ergebnisse. Zusätzlich können depressive Symptome frühe Krankheitszeichen sein. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten.
Diabetes-Medikamente sowie Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel wurden in der Gesamtschau eher mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht. Auch hier gilt, dass es sich um statistische Zusammenhänge handelt und nicht um gesicherte Ursachen.
Warum die Ergebnisse vorsichtig eingeordnet werden müssen
Die ausgewerteten Studien zeigen Zusammenhänge, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehungen. Routinedaten stammen aus der Versorgung und nicht aus kontrollierten klinischen Studien. Eine Verordnung bedeutet zudem nicht automatisch, dass ein Medikament regelmäßig eingenommen wurde. Angaben zu Dosierung und Einnahmedauer fehlen häufig.
Ein zentrales Problem ist die umgekehrte Ursache-Wirkung. Medikamente werden oft wegen früher Symptome verordnet, die bereits Teil einer beginnenden Demenz sind. Dadurch entstehen statistische Zusammenhänge, die nicht ursächlich sind.
Demenz und Arzneimittel: Bedeutung für die Beratung in der Apotheke
Für die Arbeit in der Apotheke helfen diese Ergebnisse vor allem bei der Einordnung. Sie sind kein Anlass für Therapieänderungen oder das Absetzen von Medikamenten. Die Auswertungen zeigen vielmehr, welche Arzneimittelgruppen für die Forschung besonders interessant sind.
In der Beratung ist es wichtig, Patienten sachlich zu informieren. Besonders bei älteren Patienten sollten Antipsychotika aufmerksam begleitet werden. Präventive Maßnahmen bleiben zentral. Dazu gehören die gute Einstellung von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin sowie ein vollständiger Impfschutz.
Demenzrisiko: Keine eindeutigen Effekte nachgewiesen
Große Auswertungen aus Routinedaten zeigen keine eindeutigen Effekte einzelner Medikamente auf das Demenzrisiko. Auffällig sind jedoch wiederkehrende Muster bei bestimmten Arzneimittelgruppen.
Antimikrobielle Medikamente, Impfungen und entzündungshemmende Wirkstoffe waren häufiger mit einem geringeren Risiko verbunden. Diabetes-Medikamente, Vitamine, Supplemente und Antipsychotika traten dagegen öfter im Zusammenhang mit späteren Demenzdiagnosen auf.
Für Blutdrucksenker und Antidepressiva ist die Datenlage widersprüchlich. Für die Apotheke bedeutet das: Zusammenhänge verständlich erklären und Patienten vor vorschnellen Schlussfolgerungen schützen. Quelle:
https://alz-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/trc2.70037