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Cyberchondrie: Wenn googeln krank macht

Den Begriff Hypochondrie haben viele schon einmal gehört. Er beschreibt die unbegründete Angst vor körperlichen Erkrankungen, die durch gesteigerte Selbstbeobachtung und Überbewertung von Körperwahrnehmungen entsteht.
Cyberchondrie wiederum beschreibt ein Phänomen, bei dem die unbegründete Angst vor körperlichen Erkrankungen durch die Kenntnisnahme von Internetinhalten entsteht. Daraus kann sich eine Depression oder eine „echte“ hypochondrische Störung entwickeln. Aktuell ist Cyberchondrie keine klassifizierte Erkrankung.
Gesundheitsangst betrifft vor allem Jüngere
Immerhin sechs Prozent der deutschen Bevölkerung leiden laut einer Studie der Uni Mainz unter starken Gesundheitsängsten. Mit klarer Tendenz: „Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den letzten 30 Jahren“, sagt Heiko Graf, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin vom Städtischen Klinikum Karlsruhe.
Betroffen seien vor allem unter 35-Jährige, da diese das Internet häufiger nutzen als etwa Menschen über 80 Jahre. Zudem entwickelten sich Angststörungen eher im jüngeren Lebensalter.
Morbus Google: Wenn die Symptomrecherche krank macht
Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse haben 91 Prozent der Befragten schon einmal zu Krankheiten und Symptomen im Netz recherchiert – egal ob sie selbst betroffen waren oder jemand aus ihrem Umfeld. Rund ein Drittel gab an, sich so Arztbesuche zu sparen.
13 Prozent haben sich demnach schon einmal eine Selbstdiagnose gestellt. Unter den 16- bis 34-Jährigen sei es sogar jeder Fünfte gewesen (20 Prozent).
Daran sei grundsätzlich erst einmal nichts falsch, so Experten. Sofern die Informationen seriös und aktuell seien, könne das sogar die eigene Gesundheitskompetenz verbessern. Doch dies zu erkennen, fällt vielen laut einer aktuellen Umfrage schwer.
Vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen kann dies problematisch werden, insbesondere dann, wenn bereits eine konkrete Angst vor schweren oder unheilbaren Krankheiten besteht. In der Folge kann eine Cyberchondrie entstehen, die auch Morbus Google genannt wird.
Wie Cyberchondrie erkannt wird
Die Onlinesuche kann dabei wie eine Art Brandbeschleuniger wirken: Betroffene suchen im Internet viele Stunden am Tag nach passenden Erklärungen für ihre Beschwerden, ziehen falsche Schlüsse, überbewerten schließlich ihre Symptome und stellen schlimmstenfalls dramatische Eigendiagnosen.
Die Grenze zwischen einer normalen Internetrecherche und dem zwanghaften Suchen nach einer Internetdiagnose ist fließend. „In der Regel entwickeln die Betroffenen zwar einen Leidensdruck, werden aber dann häufig von anderen auf deren unbegründete Ängste angesprochen“, erklärt Psychiater Graf.
Ärzten falle zum Beispiel auf, dass ihr Patient schon viele Mediziner vorab konsultiert habe und immer wieder an unauffälligen Befunden zweifle. Aber auch Freunde und Familie könnten ungewöhnliches Verhalten bemerken.
Wie man sich vor Cyberchondrie schützen kann
Im Grunde spricht laut Graf nichts dagegen, das Internet für Gesundheitsfragen zu konsultieren. Ärzte aber berücksichtigen bei Diagnosen auch Wahrscheinlichkeiten, etwa wie häufig eine Erkrankung in einem bestimmten Alter auftrete.
Diesen Kontext hat man häufig nicht, wenn man im Internet nach einzelnen Symptomen recherchiert. Dann landet man bei der Recherche über Kopfschmerzen innerhalb von drei Klicks beim Hirntumor, obwohl Spannungskopfschmerzen oder Migräne viel wahrscheinlicher sind.
Zudem mahnt der Fachmann, mindestens 40 Prozent der Gesundheitsinhalte im Netz seien nicht verifiziert oder gar falsch. Insbesondere bei Krebs sei das der Fall, ergab eine systematische Auswertung Dutzender Studien.
KI-Anwendungen wie ChatGPT sind aus Grafs Sicht ebenfalls problematisch, weil diese ebenso ungefiltert auf Webinhalte mit nicht fundierten Angaben zurückgreifen könnten.
Bei der Internetrecherche sollte man also immer auf valide Quellen achten. Bei Unsicherheiten ist aber immer ärztlicher Rat einzuholen. Nur Fachleute können die Vielzahl an Ergebnissen fachgerecht deuten und richtig einordnen.
Beratung in der Apotheke bei Cyberchondrie
Eine Cyberchondrie wird mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt. Medikamente werden laut Graf eher selten verabreicht. „Wichtig ist zunächst, nicht mit dem Patienten in die Diskussion zu gehen, dass er keine körperliche Erkrankung hat, sondern Strategien zu vermitteln, wie er auf Angst regieren kann.“
Erzählt ein Patient in der Apotheke von ausgiebigen Internetrecherchen zu seinen Symptomen und hat unbegründete Ängste, an schweren Erkrankungen zu leiden, sollten PTA diese Ängste zunächst ernst nehmen und dem Patienten diese nicht absprechen. Der Patient sollte jedoch mit Nachdruck an einen Arzt verwiesen werden. Quelle: dpa / mg