Nicht ohne Tücke: Diphenhydramin und Co.

PTAheute-Serie: Vorsicht Missbrauch!

Die Gründe für einen wenig erholsamen Schlaf können vielfältig sein. Von der Schlafmitteleinnahme versprechen sich viele eine schnelle, unkomplizierte Lösung.
Bild: terovesalainen / stock.adobe.com

Freiverkäufliche Schlafmittel, die Diphenhydramin oder Doxylamin enthalten, sollen in der Selbstmedikation maximal zwei Wochen angewendet werden. Dennoch werden diese Präparate häufig verlangt. In der Apotheke ergibt sich daher großer Beratungsbedarf.

Wie wirken Antihistaminika?

Diphenhydramin und Doxylamin gehören zu den Antihistaminika der 1. Generation. Sie passieren die Blut-Hirn-Schranke, blockieren im Zentralnervensystem die Rezeptoren des wachmachenden Neurotransmitters Histamin und wirken so sedierend. Fertigarzneimittel, die solche H1-Antihistaminika enthalten, sind z. B. Betadorm®, Hoggar® night, Schlafsterne® oder Vivinox® stark. Sie haben eine deutlich längere Wirkdauer als Arzneimittel mit pflanzlichen Wirkstoffen und sind daher auch bei Durchschlafstörungen geeignet.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

Neben den Histaminrezeptoren zeigen H1-Antihistaminika auch antagonische Aktivität an den Rezeptoren des Parasympathikus. Während manche der daraus resultierenden Wirkungen in anderen Indikationsbereichen therapeutisch genutzt werden (z. B. Vomex® zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen oder Superpep® zur Behandlung der Reisekinetose), führten andere zu der Überlegung, Diphenhydramin und Doxylamin für Personen über 65 Jahren der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Zu Letzteren gehören unerwünschte Wirkungen wie Tachykardie und Herzrhythmusstörungen, da diese gemeinsam mit der durch Schlafmittel generell bedingten Gangunsicherheit die Sturzgefahr erhöhen. Der entsprechende Antrag wurde vom BfArM aufgrund unzureichender Datenlage jedoch abgelehnt.

Diphenhydramin zeigt bereits nach wenigen Tagen Anzeichen einer Gewöhnung und Toleranzentwicklung. Für Doxylamin liegen keine eigenen Untersuchungen vor, es ist aber davon auszugehen, dass sich die Substanz ähnlich verhält. Beide Substanzen verändern das natürliche Schlafprofil und können so auf Dauer zu ernsthaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

Wie sieht gesunder Schlaf aus?

Der physiologische Schlaf ist vom Wechsel verschiedener Schlafphasen geprägt. Während in den Leicht- und Tiefschlafphasen die körperliche Erholung stattfindet, sind die REM(Rapid Eye Movement)- oder Traumphasen für die psychische Erholung verantwortlich. Wird dieses Schlafmuster dauerhaft gestört, ist das Risiko für den Ausbruch psychischer und organischer Erkrankungen erhöht.

Wieso verlangen überhaupt so viele Kunden Schlafmittel?

Die Gründe für einen wenig erholsamen Schlaf können vielfältig sein. Während manche sich auch nachts nicht von der beruflichen Belastung frei machen können, sind es bei anderen private Probleme, die zur Schlaflosigkeit führen. Auch eine hormonelle Umstellung kann Ursache für die Schlafstörungen sein – so sind häufig Frauen in den Wechseljahren betroffen. Von der Schlafmitteleinnahme versprechen sich viele eine schnelle, unkomplizierte Lösung. Da kein Rezept benötigt wird, werden diese Schlafmittel häufig als harmlos angesehen.

Antihistaminika als Halluzinogene?

In deutlich höherer Dosierung werden H1-Antihistaminika in der Drogenszene eingenommen, um rauschähnliche Zustände zu erzielen. Häufig werden sie dabei mit Alkohol und/oder Dextrometorphan kombiniert. Auch über Suizidversuche unter der Beteiligung von Diphenhydramin wurde berichtet. PTA und Apotheker sollten hellhörig werden, wenn größere Mengen oder Kombinationen dieser Wirkstoffe verlangt werden.

Was muss ins Beratungsgespräch?

Gemeinsam mit dem Kunden sollte zunächst der Grund der Schlafstörungen ermittelt und dieser bestenfalls ursächlich behandelt werden. Auch verschiedene Maßnahmen der Schlafhygiene wie abendliche Spaziergänge, beruhigende Schlaf- und Nerventees oder Veränderung der Schlafsituation sollten angesprochen werden.

Ist die Einnahme eines Schlafmittels unumgänglich, sollte pflanzlichen Wirkstoffen der Vorzug gegeben werden. Bei der Abgabe von H1-Antihistaminika muss auf jeden Fall auf das Risiko einer Gewöhnung hingewiesen werden.

Bestehen die Schlafstörungen über einen längeren Zeitraum, muss der Kunde zum Arzt geschickt werden, um eventuelle Grunderkrankungen zu erkennen bzw. auszuschließen.