„Hirndoping“ auf dem Vormarsch

Durch zunehmenden Leistungsdruck greifen immer mehr Menschen zu konzentrationssteigernden Mitteln. Darüber gesprochen wird jedoch aus Scham kaum.
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Betablocker, Antidepressiva, Ritalin – um mehr Leistung zu erzielen und dem ständig wachsenden Druck standzuhalten, greifen immer mehr Schüler, Studenten und auch Arbeitnehmer zu leistungssteigernden Mitteln. Laut Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke ein Trend mit „besorgniserregenden Ausmaßen“.

Vor den Abschlussprüfungen ist der Lernstress für Schüler besonders groß. Und Studenten an Hochschulen und Universitäten stehen vor Klausuren ebenfalls extrem unter Strom. In solch stressigen Zeiten komme es vor, dass junge Menschen verstärkt zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin griffen, sagt der Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke. Sie nutzten verschreibungspflichtige und illegale Mittel gezielt bei der Prüfungsvorbereitung zum „Hirndoping“. Eindeutige Zahlen darüber, wie viele Schüler und Studenten ihre Leistungen per Pille steigerten, gebe es nicht. „Es ist ein Tabuthema“, sagt der Professor an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim.

Rund 20 Prozent haben es schon mal probiert

Franke forscht schon seit vielen Jahren an dem Thema. In seinen Studien, die er bei Studenten, Chirurgen und Managern gemacht hat, zeigte sich: Rund 20 Prozent aus jeder Zielgruppe gaben an, schon mindestens einmal ein illegales oder verschreibungspflichtiges Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben. In Befragungen seien mehrere Tausend Schüler und Studierende, aber auch Arbeitnehmer bundesweit eingebunden gewesen, sagt er. Auch Bildungseinrichtungen in Rheinland-Pfalz waren darunter, zum Beispiel in Trier, Kaiserslautern und Speyer.

Ein Tabuthema

Überall habe sich gezeigt: „Es wird nicht offen über das Thema gesprochen“, sagt der Psychiater. Auch gegenüber Mitschülern oder Kommilitonen werde verborgen, wenn man etwas Derartiges einnehme. Ausnahme: „Bei den illegalen Dingen spricht man darüber nur in kleinen Zirkeln.“ Der amphetaminartige Wirkstoff Methylphenidat, der in Ritalin enthalten ist, wird in der Regel für Patienten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verschrieben. Wer sich das Arzneimittel anderweitig besorgt, schluckt es illegal.

Zur Erinnerung: Wie wirkt Methylphenidat?

Methylphenidat leitet sich strukturell von Ephedrin ab, ist im Vergleich dazu jedoch deutlich lipophiler. Der Wirkstoff kann deshalb die Blut-Hirn-Schranke leicht durchdringen und seine Wirkung im Zentralnervensystem entfalten. Methylphenidat bewirkt die Freisetzung von z. B. Adrenalin, Noradrenalin sowie Dopamin und zählt damit zur Gruppe der indirekten Sympathomimetika.

Zugelassen ist Methylphenidat in der Therapie des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) sowie der Narkolepsie. Bei missbräuchlicher Verwendung (z. B. Doping) besitzt der Wirkstoff ein hohes Abhängigkeitspotenzial.

Mögliche Nebenwirkungen sind z. B. Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Appetitmangel sowie Blutdrucksteigerungen und eine erhöhte Herzfrequenz (Tachykardie).

Offenbar leicht zu beschaffen

Ein Student in Trier berichtet, er sei im Oktober schon vor dem Start des Semesters von einer Gruppe angesprochen worden, ob er Ritalin haben wolle – für die Zeit der Prüfungen. Es sei offensichtlich nicht schwer, es zu besorgen – über Bekannte, die das Medikament verschrieben bekämen, oder über das Internet, erzählt er. Und ein Gymnasiast erzählt, er wisse genau, wie er an das Medikament kommen könne. „Bei uns an der Schule nehmen es mehrere.“

Koffeintabletten und Energy-Drinks

Eine Schulsozialarbeiterin einer anderen Schule in Trier meint: „Dass Kinder hier Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen, habe ich noch nicht mitbekommen. Aber das heißt nicht, dass es nicht stattfindet.“ Das Thema sei „mit viel Scham“ besetzt. Laut Experte Franke griffen auch viele zu Koffeintabletten oder vor allem Energy-Drinks.

Zehntausende Arbeitnehmer betreiben regelmäßig Hirndoping

Wer „Hirndoping“ macht, riskiert erhebliche Nebenwirkungen. Nach Angaben der Krankenkasse DAK können missbräuchlich eingesetzte Medikamente zu Persönlichkeitsveränderungen, Abhängigkeiten oder auch zum Verlust der Leistungsfähigkeit führen. Am Arbeitsplatz griffen schon Zehntausende Rheinland-Pfälzer wegen Stress und Leistungsdruck regelmäßig zu Dopingmitteln und betrieben „Hirndoping“. Der Trend sei in der Arbeitswelt seit 2008 erkennbar, sagt der Sprecher der DAK in Mainz. Verbreitet seien Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen – für mehr Leistung oder für eine bessere Stimmung.

Morgens ein Upper, abends einen Downer

Bei der Suchtberatung „Die Tür“ in Trier ist Ritalin kein Thema. „Es läuft nicht unter der Schublade Sucht“, sagt Leiter Andreas Stamm. Ein größeres Problem sei der Konsum von Amphetaminen wie Pep oder Speed. Die würden von Konsumenten vor der Arbeit zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit genommen – und machten „sehr abhängig“. Ein häufiges Muster bei Abhängigen sei zudem, dass sie abends etwas bräuchten, um „runterzukommen“ – zum Beispiel Cannabis. „Also morgens einen Upper und abends einen Downer.“

Trend mit besorgniserregenden Ausmaßen

Es sei insgesamt ein Trend mit „besorgniserregenden Ausmaßen“, sagt Franke, der vor kurzem das Buch „Hirndoping & Co. - Die optimierte Gesellschaft“ herausgebracht hat. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der immer mehr Leistung gefordert wird und man immer besser werden muss“, sagt er. Es komme aber ein Punkt, an dem gehe es nicht mehr besser. „Ich behaupte, diese Grenze ist allmählich erreicht.“ Und da glaubten Konsumenten: „Diese Grenze kann ich nur überschreiten, zumindest eine Zeit lang, wenn ich etwas einwerfe.“

Der Druck wächst – auch im Privatleben

Hinzu komme, dass man heute auch neben der Arbeit was „leisten“ wolle: in der Familie, bei Freunden, ja sogar im Urlaub: „Wenn Sie ein richtiger Mann sind, dann müssen Sie den Marathon schon mal gelaufen sein. Und Sie müssen im Urlaub gepostet haben, an welch abgefahrenen Locations Sie waren.“ Und Fitness machen. „Das sind Dinge, die das menschliche Wesen irgendwann überfordern.“ Den jungen Menschen gehe es ähnlich: Sie müssten neben Schule und Uni auf den Social-Media-Kanälen stets präsent sein und dabei möglichst gut rüberkommen. „Das ist ein enormer Druck.“

Alternativen vorhanden

Doch gibt es durchaus Alternativen zum Hirndoping – auch wenn diese laut Franke nicht so schnell sind wie alles andere.  Wenn große Examen bevorstehen, rät der Experte sich „schlicht in Ruhe und mit Abstand“ darauf vorzubereiten. Das bedeute auch: Tür zu und Handy aus. Zur Entspannung seien autogenes Training und Yoga gut. Und Pausen, die Pausen sind. Ohne Besprechungen und ohne Joggen.

Unser Tipp:

Ein gutes Zeitmanagement kann dabei helfen, Spitzenbelastungen zu vermeiden und den Druck zu reduzieren. Werden Arbeitsphasen und Pausen fest eingeplant, können relevante Aufgaben rechtzeitig und ohne Gefühl der Überforderung erledigt werden.

Quelle: dpa/sn