Ein genialer Marketing-Trick verzaubert das menschliche Gehirn: Während „gesundes Gemüse“ oder „Vollkorn“ eher abschreckend und lustfeindlich klingen, lässt der Begriff „Superfood“ die Herzen höher schlagen. „Superfoods“ gelten als hip und cool. Selbsternannte Ernährungsfachleute versprechen die Lösung aller Gesundheitsprobleme, Gewichtsabnahme meist inbegriffen. Was steckt hinter den als Superfoods gepriesenen Produkten? In dieser Serie wollen wir die am meisten beworbenen und beliebtesten „Superfoods“ unter die Lupe nehmen.
Titelbild: baibaz / AdobeStock
Shilajit – ein Superfood aus dem Himalaya?

In den sozialen Medien wird es als „Superfood“ gefeiert, in ayurvedischen Texten seit Jahrtausenden als Heilmittel gepriesen. Es soll antioxidativ und entzündungshemmend, adaptogen, fertilitätsfördernd und antidiabetisch, regenerierend auf Knochen und Gewebe, neuroprotektiv, die Wundheilung unterstützend und sogar antikanzerogen wirken: Shilajit, eine dunkelbraune bis schwarze, harzartige Substanz aus den Bergen.
Experten mahnen jedoch zur Vorsicht. Die wissenschaftliche Evidenz für die beworbenen Effekte ist dünn, gleichzeitig werfen Qualitätsprobleme und regulatorische Unsicherheiten Fragen zur Sicherheit auf.
Was ist Shilajit eigentlich?
Shilajit, auch unter den Bezeichnungen Mumijo oder Asphaltum punjabinum bekannt, ist eine komplexe organisch-mineralische Substanz, die über Jahrhunderte durch natürliche Zersetzungsprozesse in Gebirgsspalten entsteht. Der Name stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Eroberer der Berge und Zerstörer der Schwäche“.
Konkret ist Shilajit durch die langsame Zersetzung von pflanzlichem und mikrobiellem Material über geologische Zeiträume entstanden. Durch den Druck und die klimatischen Bedingungen der Gebirge wird es mineralisiert. Dabei entsteht eine vielschichtige Matrix aus Huminsäuren, Fulvinsäuren, Mineralien und organischen Verbindungen wie Dibenzo-α-pyronen.
Die genaue Zusammensetzung variiert erheblich je nach geografischem Ursprung, was eine einheitliche Definition erschwert. Charakteristisch für Shilajit ist seine harzartige Konsistenz sowie die tiefbraune bis schwarze Färbung mit charakteristischem Geruch.
Herkunft und traditioneller Einsatz von Shilajit
Shilajit findet sich vor allem in den großen Gebirgszügen Asiens – Himalaya, Altai-Gebirge, Kaukasus – sowie den Anden.
Die traditionelle Gewinnung erfolgt durch manuelle Extraktion aus Felsspalten in Höhenlagen zwischen 1.000 und 5.000 Metern, was zu erheblichen Qualitätsschwankungen führt. Nach dem Einsammeln wird es gereinigt, meist durch Erhitzen und Filtration, um Verunreinigungen zu entfernen.
In der ayurvedischen Tradition gilt Shilajit seit über 3.000 Jahren als „Rasayana“, also als verjüngendes Mittel, das Vitalität, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit fördern soll. Klassische Texte beschreiben seine Anwendung bei Verdauungsproblemen, sexueller Dysfunktion und kognitiven Beeinträchtigungen.
Die ayurvedische Medizin schreibt Shilajit die Fähigkeit zu, alle drei Doshas zu harmonisieren, was es zu einem universellen Heilmittel macht. In der Unani-Medizin (graeco-arabische Medizin) gilt Shilajit als „Muqawi“ (Stärkungsmittel) zur Behandlung von Schwäche, Diabetes und neurologischen Erkrankungen.
Beide Medizinsysteme betonen jedoch die Notwendigkeit sachgemäßer Aufbereitung von Shilajit und warnen vor unsachgemäßer Anwendung.
Was steckt in Shilajit?
Die komplexe Zusammensetzung von Shilajit macht eine eindeutige Charakterisierung schwierig. Huminstoffe – insbesondere Humin- und Fulvinsäuren – machen rund 60 bis 80 Prozent der organischen Matrix von Shilajit aus und weisen antioxidative sowie antiinflammatorische Eigenschaften auf.
Der mineralische Anteil von Shilajit enthält eine Vielzahl an Spurenelementen – in einigen Analysen wurden mehr als 80 verschiedene Elemente nachgewiesen, darunter Eisen, Magnesium und Zink.
Die Gehalte schwanken jedoch je nach Herkunft und Verarbeitung stark und liegen meist in Konzentrationen, die für eine direkte physiologische Wirkung nicht ausreichend sind. Aber auch toxische Schwermetalle wie Blei und Quecksilber sind enthalten.
Welche Wirkungen werden Shilajit zugesprochen?
Die in Shilajit enthaltenen Dibenzo-α-pyrone werden sowohl für antioxidative und entzündungshemmende, als auch für neuroprotektive Wirkungen verantwortlich gemacht und sollen die Mitochondrienfunktion verbessern.
Die postulierte Wirkung auf das Testosteronsystem wird auf die Kombination aus Fulvinsäuren und Mineralien zurückgeführt, die die Steroidhormon-Biosynthese fördern sollen.
Daneben finden sich in Shilajit noch Proteine, organische Säuren und polyphenolische Verbindungen.
Insgesamt umfassen die Wirkprinzipien, welche vor allem den Humin- und Fulvinsäuren zugeschrieben werden, eine Reduktion von oxidativem Stress, Modulation von Entzündungswegen, Förderung der ATP-Produktion und Stimulation von Hormon- und Enzymaktivitäten.
Shilajit: Lassen sich die Wirkungen wissenschaftlich belegen?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Shilajit basieren bislang auf einer kleinen Anzahl methodisch begrenzter Untersuchungen. Die meisten Studien sind kleine, unkontrollierte Pilotstudien mit erheblichen Schwächen.
Eine häufig zitierte Studie untersuchte Männer im Alter von 45 bis 55 Jahren, die über 90 Tage hinweg zweimal täglich 250 mg gereinigtes Shilajit oder Placebo erhielten. Es zeigten sich in der Shilajit-Gruppe moderate Testosteronanstiege, jedoch war die Teilnehmerzahl klein und es fehlen Langzeitdaten sowie Bestätigungsstudien.
Untersuchungen zu kognitiven Effekten beschränken sich hauptsächlich auf In-vitro- und Tierstudien mit vielversprechenden Ergebnissen bezüglich neuroprotektiver Eigenschaften. Humanstudien sind jedoch rar und methodisch mangelhaft. Vorhandene Studien weisen oft kleine Stichproben und kurze Laufzeiten auf.
Die natürliche Variabilität macht eine Standardisierung von Shilajit schwierig. Traditionelle Wirkungen wie eine Vitalitätssteigerung lassen sich schwer objektiv messen, und die Finanzierung hochwertiger Studien ist problematisch, da Shilajit nicht patentierbarDas reine Naturprodukt Shilajit ist nicht patentierbar, wohl aber seine aufbereitete Form, spezielle Extrakte, Kombinationen oder neue Indikationsgebiete. Deshalb gibt es durchaus Patente, die sich auf Shilajit beziehen. ist.
Shilajit – ein Novel Food, außer in Nahrungsergänzungsmitteln
Der Novel Food Status Catalogue der Europäischen Kommission enthält einen Eintrag zu Mumijo (synonym: Shilajit, Asphaltum punjabinum). Darin wird festgehalten, welchen regulatorischen Status Shilajit – also als was das Naturprodukt einzuordnen ist und welche Vorgaben beim Einführen in den Markt einzuhalten sind – in der EU hat.
In diesem Eintrag steht, dass Mumijo/Shilajit ein „Novel Food“ sei. Gleichzeitig wird vermerkt: „Not Novel only in food supplements“. Das heißt: In Nahrungsergänzungsmitteln könnte es als nicht neuartig gelten, während jede Verwendung als „normales“ Lebensmittel (z. B. als Zusatz in Getränken etc.) unter die Novel Food Regulation fällt.
Zur Erinnerung: Was ist ein Nahrungsergänzungsmittel?
Nach § 1 der deutschen Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NEMV) sind NEM Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die allgemeine Ernährung zu ergänzen. Sie werden in dosierter Form in den Verkehr gebracht und sind ein Konzentrat aus Vitaminen und Mineralstoffen.
Tatsächlich ist es so, dass die NEMV in Deutschland bislang nur Vitamine und Mineralstoffe regelt – alle „sonstigen Stoffe wie Aminosäuren, Fettsäuren oder Pflanzenextrakte“ nicht.
Nach § 2 dürfen NEM gewerbsmäßig auch nur in „Fertigpackungen“ in den Verkehr gebracht werden – was rein von der Packung eine enge Nähe zu Arzneimitteln schafft. Zudem erschwert die Darreichungsform in „dosierter Form“ – seien es Tabletten, Kapseln, Dragees, Portionsbeutel, Flüssigampullen – die klare Abgrenzung zum Arzneimittel. /red
Diese Unterscheidung hat praktische Konsequenzen: Shilajit-haltige Nahrungsergänzungsmittel können relativ unkompliziert vermarktet werden, während die Verwendung in herkömmlichen Lebensmitteln eine aufwendige Novel-Food-Zulassung mit umfassenden Sicherheitsdaten erfordern würde.
Nahrungsergänzungsmittel werden häufig mit gesundheitsbezogenen Angaben vermarktet. Diese unterliegen der Health Claims Regulation – spezifische Health Claims für Shilajit wurden von der EFSA bislang nicht zugelassen.
Sicherheitsrisiken bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Shilajit
Die Sicherheit von Shilajit-Präparaten steht im Zentrum regulatorischer Bedenken. Natürliches Shilajit enthält regelmäßig bedenkliche Konzentrationen von Schwermetallen wie Blei, Quecksilber und Arsen, die durch geologische Prozesse und Umweltkontamination zustande kommen.
Die Verbraucherzentrale warnt daher vor ayurvedischen Nahrungsergänzungsmitteln, die des Öfteren Shilajit enthalten. Diese überschritten regelmäßig zulässige Grenzwerte für mindestens ein toxisches Metall.
Besonders problematisch sind Thallium-Kontaminationen in einzelnen Shilajit-Produkten – in manchen Analysen wurden Gehalte ermittelt, die sogar über den im Rohmaterial gemessenen lagen. Eine mikrobielle Kontamination durch pathogene Mikroorganismen ist ebenfalls möglich.
Die Variabilität natürlicher Vorkommen von Shilajit erschwert eine verlässliche Qualitätskontrolle erheblich. Selbst Produkte desselben Herstellers können zwischen Chargen erhebliche Unterschiede aufweisen.
Verbraucher sind sich dieser Risiken oft nicht bewusst, da die Vermarktung als „natürliches“ Heilmittel Sicherheitsrisiken maskiert.
Shilajit nur eingeschränkt empfehlbar
Shilajit besitzt zwar ein interessantes pharmakologisches Potenzial, die derzeitige Evidenzlage reicht aber nicht aus, um spezifische therapeutische Anwendungen mit Shilajit zu empfehlen. Es fehlen meist Langzeitstudien und Untersuchungen mit größeren Patientenkollektiven. Qualitätsprobleme und Kontaminationsrisiken geben außerdem Anlass für Sicherheitsbedenken.
Für die pharmazeutische Praxis bedeutet dies, dass Shilajit-Präparate derzeit nicht als evidenzbasierte Therapieoption betrachtet werden können. Patienten sollten über die begrenzte Evidenzlage und mögliche Sicherheitsrisiken aufgeklärt werden.
Bei Interesse sollte auf Produkte mit unabhängigen Qualitätszertifikaten hingewiesen werden, die vor allem das Vorhandensein von Schwermetallen ausschließen. Vorsicht ist zudem bei Patientengruppen mit Leber-, Nierenproblemen, Schwangeren und Stillenden geboten, da Daten zur Anwendung fehlen. Quellen:
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2025/08/26/shilajit-schwarzes-goldoder-
riskanter-trend
https://health.clevelandclinic.org/shilajit-benefits
https://www.verbraucherzentrale.de/faq/lebensmittel/mumijo-bei-darmproblemen-36644
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/ayurvedisc
he-nahrungsergaenzungsmittel-5129
https://food.ec.europa.eu/document/download/f551e7aa-8128-49bc-be3e-
36e35b82eae0_en?filename=novel-food_consult-status_mumijo.pdf
https://praxistipps.focus.de/shilajit-was-ist-das-wirkung-und-anwendung-desmineralharzes_
181083
https://www.swr.de/leben/gesundheit/shilajit-mumijo-wundermittel-himalaja-immunsystemnahrungsergaenzungsmittel-
100.html
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3296184/
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https://www.ijbcp.com/index.php/ijbcp/article/view/5961
https://doi.org/10.56986/pim.2024.06.007
https://www.integrmed.org/journal/view.php?number=50
https://jptcp.com/index.php/jptcp/article/view/6677
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https://ijapr.in/index.php/ijapr/article/view/3756