Superfoods

Ein genialer Marketing-Trick verzaubert das menschliche Gehirn: Während „gesundes Gemüse“ oder „Vollkorn“ eher abschreckend und lustfeindlich klingen, lässt der Begriff „Superfood“ die Herzen höher schlagen. „Superfoods“ gelten als hip und cool. Selbsternannte Ernährungsfachleute versprechen die Lösung aller Gesundheitsprobleme, Gewichtsabnahme meist inbegriffen. Was steckt hinter den als Superfoods gepriesenen Produkten? In dieser Serie wollen wir die am meisten beworbenen und beliebtesten „Superfoods“ unter die Lupe nehmen.
Titelbild: baibaz / AdobeStock

9 min merken gemerkt Artikel drucken

Teff, Fonio, Corakorn – glutenfreie Supergrains?

Drei Holzschalen mit Hirse und Hirsemehl
Die Zwerghirse Fonio ist leicht verdaulich, glutenfrei und soll wegen ihres Eisengehalts auch das „ideale Getreide für Frauen“ sein. | Bild: katrinshine / AdobeStock

Das Geschäft mit glutenfreien Produkten boomt, entsprechendes Getreide wird zum „Supergrain“ mit Wunderwirkungen erklärt. Und weil sich Exotisches besser verkauft als Altbekanntes, haben Teff, Fonio und Corakorn seit einigen Jahren ihren ganz großen Auftritt. 

Sie gelten laut Werbung als perfekte Proteinquellen, die – ohne „böses“ Gluten – das Immunsystem stärken, Sportler fit machen, beim Abnehmen helfen und vieles mehr. Was ist dran an diesen Versprechen, und ist eine glutenfreie Ernährung überhaupt erstrebenswert?

Hirse als glutenfreie Alternative

Die kleinkörnigen Hirsearten Teff, Fonio und Corakorn – die wie alle Hirsearten frei von Gluten sind – zählen in bestimmten Teilen der Bevölkerung Afrikas und Indiens traditionell zu den Grundnahrungsmitteln.  

Damit bringen sie eine im westlichen Marketing beliebte „Geschichte“ mit: Sie entstammen guten, jahrtausendealten Gebräuchen und sind weder überzüchtet noch gentechnisch manipuliert.  

Selbsternannte Experten schlussfolgern daraus, dass es diese „Urgetreide“ sind, die die Menschen in den betreffenden Gebieten vor Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Schlaganfällen und Allergien bewahren.  

Dem hiesigen Verbraucher hüpft das Herz vor Freude: Mit Verzehr der glutenfreien Naturprodukte wird den Lebensmittelkonzernen scheinbar ein Schnippchen geschlagen und die eigene Gesundheit gestärkt.  

Gluten hat für Gesunde keine Nachteile

Dabei ist Gluten im Allgemeinen keineswegs schädlich. Zur Erinnerung: Es handelt sich um bestimmte Eiweißbestandteile, die vor allem in Weizenarten (darunter Dinkel, Emmer und Einkorn), Roggen, Gerste und in geringen Mengen auch in Hafer vorkommen.  

Vor allem aus Getreide hergestellte Lebensmittel wie Brot, Nudeln oder Gebäck enthalten Gluten. Zudem kommt es als Hilfsstoff zur Veränderung der Konsistenz in Produkten wie Saucen oder Wurst vor.  

Gluten birgt in der Regel keine gesundheitlichen Nachteile. Ganz im Gegenteil: Getreide, insbesondere Vollkorn, liefert wichtige Nährstoffe wie Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe und ist wesentlicher Bestandteil einer gesunden Ernährung.

Negative Wirkungen entfaltet es nur bei Menschen mit bestimmten Unverträglichkeiten wie der Weizenallergie und der Zöliakie.  

Zur Erinnerung: Was ist Zöliakie?

Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung, die von der Autoimmunerkrankung Zöliakie betroffen sind, löst Gluten Beschwerden wie chronische Bauchschmerzen, Durchfälle und Blähungen aus. Betroffene müssen ihr Leben lang eine streng glutenfreie Ernährung einhalten.  

Als „glutenfrei“ können in der Europäischen Union Produkte bezeichnet werden, die höchstens 20 Milligramm Gluten pro Kilogramm enthalten. Dieser Grenzwert ist für die meisten an Zöliakie Erkrankten ausreichend.

Solche Lebensmittel tragen teilweise das Symbol einer durchgestrichenen Ähre. Statt wie früher nur in Reformhäusern oder im Versandhandel, sind sie heute auch im Supermarkt und Discounter erhältlich.  

Ohne gesicherte Diagnose, zum Beispiel von Zöliakie, haben eine glutenfreie Ernährung und die damit verbundenen teils gravierenden Einschränkungen keinen Sinn und können laut Bundesinstitut für Risikobewertung gesundheitliche Risiken mit sich bringen.

Teff – das kleinste Getreide der Welt

Teff oder Zwerghirse ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Süßgräser. Ursprünglich war Teff in Äthiopien und Eritrea beheimatet, heute wird es in vielen tropischen und subtropischen Regionen – sowie in den USA speziell als Futtergras – angebaut.

Die Pflanze ist anspruchslos, braucht nicht viel Wasser und zeigt sich robust gegenüber Schädlingen und Krankheiten. Zudem schützt ihre relativ kurze Vegetationsperiode vor größeren Ernteausfällen.  

Die grannenfreien kleinen Ähren enthalten weißliche oder dunkelrot-braune Getreidekörner, die kleiner sind als ein Millimeter. Teff wird deshalb auch als das kleinste Getreide der Welt bezeichnet. 150 Teffkörner entsprechen einem Weizenkorn.  

Die afrikanische Bevölkerung backt mit diesen winzigen Körnchen traditionell Fladenbrot. Sie werden darüber hinaus als Brei verzehrt oder zum Brauen alkoholischer Getränke verwendet. Ähren und Stroh dienen auch als Tierfutter.

100 Gramm Teff haben 367 Kilokalorien und damit etwa so viel wie Weizen. Die Zwerghirse zählt zu den proteinreichen Getreidesorten (circa 13 Gramm pro 100 Gramm) und enthält außerdem essenzielle Fettsäuren, Kohlenhydrate, Ballaststoffe sowie Vitamine und Mineralien wie Eisen, Zink, Calcium, Silicium und Selen.

Fonio – besonders leicht verdaulich?

Die Foniohirse wird als besonders leicht verdaulich und geeignet für Kinder und Ältere dargestellt und häufig der angeblich niedrige glykämische Index betont, der für ein gutes Blutzuckermanagement sorge.  

Fonio soll wegen seines Eisengehalts auch das „ideale Getreide für Frauen“ sein. Versprochen wird „Schönheit für Haut und Haar“ sowie die „Entgiftung und Heilung von Wunden“. Selbstverständlich lässt sich mit Fonio – laut Erfahrungsberichten – auch fantastisch abnehmen.  

Auf Verkaufsverpackungen dürfen solche gesundheitsbezogenen Aussagen nicht stehen, das wäre ein Verstoß gegen die europäische Health-Claims-Verordnung. Denn keine dieser vermeintlichen Wirkungen ist wissenschaftlich bewiesen.

Foniohirse ist ein weiteres Familienmitglied der Süßgräser und zählt zur Gattung der Fingerhirsen. Man spricht auch von Hungerreis oder Hungerhirse – vielleicht deshalb, weil sie auf sehr armen, sandigen und sogar felsigen Böden gedeihen kann, auf denen kein anderes Getreide mehr wächst.  

Zu Hause ist sie im tropischen Westafrika bis hinein in den Kamerun. Sie reift sehr schnell: Manche Sorten können schon sechs bis acht Wochen nach der Aussaat geerntet werden.  

Die Getreidekörner sind circa 1,5 Millimeter groß. 100 Gramm enthalten circa 8,7 Prozent Protein.  

Fonio bildet in weiten Teilen Afrikas das Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung. Es gilt als das schmackhafteste Getreide Westafrikas und wird wegen seines feinen Nussaromas gerne von den gehobenen Schichten des Landes und als Festspeise verzehrt. Deshalb trägt es auch den Beinamen „chief’s food“.  

Man isst es als Couscous oder Brei, es wird zu Mehl vermahlen, zu Brot verbacken oder zu Bier vergoren. Spreu und Stroh der kleinkörnigen Hirse eignen sich als Tierfutter. Mit Lehm vermischt, dient das Stroh darüber hinaus als Baumaterial.

In Deutschland wird Fonio als glutenfreies „Wunderkorn“ vermarktet. Anbieter beschreiben es als „etwas fade“ im Geschmack, deshalb sollte es gut gewürzt werden.  

Corakorn aus Indien

Ebenfalls zur Familie der Süßgräser gehört die Corakorn-Fingerhirse, die aus Indien oder dem Sudan stammt. Manche Autoren vermuten, dass die Art bereits vor 3.000 Jahren ihren Weg von Afrika nach Indien fand.

Dort gilt sie als alte Kulturpflanze, die auch in der Ayurveda-Lehre ihren Platz gefunden hat. Corakorn, in Indien als Ragi bezeichnet, soll die ursprünglichste Form der Fingerhirse sein – die „Urhirse“, die als nicht verzüchtet gilt.  

Auch bei Corakorn wird die Glutenfreiheit betont, außerdem der hohe Ballaststoffgehalt. Als vorteilhaft gilt, dass die trockenen Körner lange Zeit gut gelagert werden können, ohne dass sie an Qualität verlieren oder Schädlingen beziehungsweise Pilzen zum Opfer fallen.

In Indien wird Ragi-Mehl zu Fladenbrot gebacken oder als Kloß verkocht. Die Körner lassen sich auch fermentieren und Getränken sowie Joghurt beimischen. In Uganda wird die Fingerhirse ähnlich wie ein Porridge zum Frühstück gegessen oder auch geröstet und gemahlen und dann wie Mehl weiterverwendet.

In Deutschland wird Corakorn als neue oder wiederentdeckte Urhirse angepriesen, die für stabile Knochen, gesunde Zähne, eine gute Muskelfunktion und einen funktionierenden Stoffwechsel sorgen und chronische Müdigkeit und Konzentrationsschwäche vertreiben soll.  

Die Herstellerangaben, nach denen Corakorn jede Menge an Mineralstoffen enthalten soll, sind nicht durch verlässliche Quellen belegt.  

Gut zu wissen: glutenfreie Lebensmittel

Neben Hirse listen die Verbraucherzentralen in einer aktuellen Veröffentlichung diese Lebensmittel auf, die von Natur aus kein Gluten enthalten:

In verarbeiteter Form könne es aber während des Ernte-, Herstellungs- oder Lagerungsprozesses zu Verunreinigungen kommen.  

Deshalb sollten Verbraucher entsprechende Hinweise auf der Verpackung beachten, mit denen diese Spuren – auch unter dem Grenzwert von 20 Milligramm pro Kilogramm – zu kennzeichnen sind.

Sind Teff, Fonio, Corakorn echte Supergrains?

Selbstverständlich leisten die verschiedenen Hirsearten einen guten Beitrag zu einer gesunden Ernährung. Alle Arten von Getreidekörnern sind eine gute Proteinquelle, enthalten Ballaststoffe, komplexe Kohlenhydrate und essenzielle Fettsäuren. Eisen und Zink sind vor allem für Vegetarier und Veganer vorteilhaft.  

Die Zufuhr an Mikronährstoffen durch Getreidekörner darf jedoch nicht überbewertet werden. Wer drei Löffel Hirse über sein Müsli streut, ist dadurch noch nicht optimal mit Mineralstoffen versorgt.

Lieber Hirse statt Teff, Fonio und Corakorn 

Bei einer glutenfreien Ernährung kann man mit Hirsesorten seinen Speisezettel durchaus bereichern. Die Frage ist nur, ob es unbedingt Teff, Foniohirse und Corakorn sein müssen. Schließlich ist Hirse auch in Europa heimisch.  

Hierzulande gilt sie allerdings als „vergessenes Getreide“. Seit dem 17. Jahrhundert hat die in Europa als Nahrungsquelle übliche Hirse nach und nach an Bedeutung verloren, während Weizen, Roggen und vor allem Kartoffeln wegen ihres höheren Sättigungsvermögens auf den hiesigen Feldern Einzug hielten.  

Erst in den letzten Jahren erlebt die heimische Rispenhirse, auch Echte Hirse genannt, als glutenfreie Getreideart eine Renaissance und wird in Deutschland und Österreich wieder angebaut. Quellen (Autor ak):
https://www.bfr.bund.de/mitteilung/gluten-und-glutenhaltige-getreide-vorkommen-und-gesundheitliche-relevanz/
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/kennzeichnung-und-inhaltsstoffe/glutenfreie-lebensmittel-boomender-markt-10939
https://de.wikipedia.org/wiki/Teff
 

Auf einen Blick:

  • Teff, Fonio und Corakorn sind kleinkörnige Hirsen aus der Familie der Süßgräser. Sie wachsen auch auf kargen Böden und haben eine kurze Vegetationsperiode, weshalb sie seit Jahrtausenden zur Ernährung des Menschen beitragen.
  • Teff und Fonio gehören in Afrika zu den Grundnahrungsmitteln, Corakorn wird vor allem in Indien angebaut und verzehrt.
  • Die Hirsearten sind glutenfrei, reich an Proteinen und Ballaststoffen, enthalten Mineralstoffe und Vitamine. Sie sind ein wertvoller Bestandteil einer gesunden Ernährung und können den Speisezettel von Menschen, die kein Gluten vertragen, bereichern.
  • Die heimische, in Europa angebaute Hirse ist aus ökologischen Gründen eine glutenfreie Alternative zu den Importprodukten aus Afrika oder Indien.
Zurück