Aktuelles
4 min merken gemerkt Artikel drucken

Warum Migräne oft während der Menstruation auftritt

Frau legt Hand an Stirn
Forscher konnten einen Zusammenhang zwischen einer Migräne und der Periode feststellen. | Bild:  fizkes / AdobeStock

Anfallsartige, häufig einseitig auftretende starke Kopfschmerzen, bisweilen begleitet von Übelkeit und Erbrechen sowie Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen: Migräne ist vielen Menschen nur zu gut bekannt. Laut Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft leidet mehr als jeder zehnte Mensch an den quälenden Kopfschmerzen.

Frauen haben dreimal so oft mit den heftigen Kopfschmerzen zu kämpfen wie Männer. Besonders häufig treten die Kopfschmerzattacken dabei kurz vor oder während der Menstruation auf. Nach den Wechseljahren hingegen sinkt die Migräneprävalenz bei Frauen. Auch während der Schwangerschaft beobachten viele Frauen eine Veränderung im Auftreten ihrer Migräne.

Spielen Sexualhormone bei Migräne eine Rolle?

Diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass neben Neurotransmittern wie Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) auch Sexualhormone in der noch nicht vollständig aufgeklärten Pathophysiologie der Migräne eine Rolle spielen. 

Gemäß der neurogenen Entzündungshypothese wird bei einer Migräneattacke CGRP aus den Nervenendigungen im Gehirn freigesetzt und bewirkt eine Vasodilatation (Erweiterung) naheliegender Blutgefäße. Diese gilt als eine Ursache für den Schmerz. Doch was löst die CGRP-Ausschüttung aus?

„Aus dem Tiermodell haben wir Hinweise, dass Schwankungen von weiblichen Hormonen – insbesondere von Östrogen – zu einer verstärkten Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn führen.“

Dr. Bianca Raffaelli, vom Kopfschmerzzentrum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte

Ob dieser Zusammenhang auch im Menschen besteht, prüften Raffaelli und ihre Kollegen in einer Kohortenstudie, die im Fachjournal „Neurology“ veröffentlicht wurde. Hierfür untersuchten die Berliner Forscher insgesamt 90 Frauen mit und 90 Frauen ohne Migräne. Jeweils ein Drittel von ihnen wies einen regelmäßigen Menstruationszyklus auf, nahm orale Kontrazeptiva ein oder befand sich bereits in der Postmenopause. 

Bei allen Teilnehmerinnen wurden die CGRP-Spiegel im Blutplasma und in der Tränenflüssigkeit bestimmt. Der Zeitpunkt der Probennahme unterschied sich dabei je nach Gruppe, um so die verschiedenen Hormonzustände abbilden zu können:

  • Bei Frauen mit regelmäßigem Menstruationszyklus fanden die Messungen während der Menstruation sowie kurz vor der Ovulation statt. 
  • Bei Frauen mit oraler Kontrazeption wurde während des hormonfreien Intervalls sowie in der zweiten Einnahmewoche gemessen.
  • Bei Frauen in der Postmenopause fand ein Messtermin an einem beliebigen Zeitpunkt statt.

CGRP-Spiegel während der Menstruation höher

Tatsächlich fanden die Forscher Folgendes heraus:

  • Frauen mit Migräne und einem regelmäßigen Zyklus hatten während der Menstruation signifikant höhere CGRP-Spiegel – sowohl im Blutplasma als auch in der Tränenflüssigkeit –  als in der altersangepassten, migränefreien Kontrollgruppe mit regelmäßigem Zyklus.
  • Weiterhin hatten Migränepatientinnen mit regelmäßigem Zyklus während der Menstruation höhere CGRP-Tränenflüssigkeitspiegel als Patientinnen unter oraler Kontrazeption im hormonfreien Intervall.
  • Innerhalb der Gruppen, die orale Kontrazeptiva verwendeten oder bereits in der Postmenopause waren, gab es keinerlei Unterschiede in der CGRP-Konzentration zwischen der Migräne- und der Kontrollgruppe.

Mit diesen Ergebnissen konnten die Wissenschaftler erstmals einen Zusammenhang zwischen den Sexualhormonen und der CGRP-Freisetzung in der Migräneentstehung beim Menschen zeigen. Entscheidend sei hierbei jedoch weniger die absolute Hormonkonzentration, sondern vielmehr die Schwankung der Hormonspiegel. Insbesondere der Abfall des Estrogenspiegels kurz vor der Menstruation ist mit einem erhöhten CGRP-Spiegel assoziiert.

Müssen CGRP-Inhibitoren nun anders verabreicht werden?

Diese Ergebnisse helfen bei dem grundlegenden Verständnis der Pathophysiologie der Migräne. Zudem könnten sie auch für Behandlungsversuche mit Vertretern der neuen Medikamentenklasse der CGRP-Inhibitoren von Bedeutung sein. 

„Auf Basis unserer Studie stellt sich nun die Frage: Haben CGRP-Inhibitoren bei verschiedenen hormonellen Zuständen eine unterschiedliche Wirkung? Wäre es also zum Beispiel sinnvoll, diese Medikamente zyklusabhängig zu verabreichen? Das müssen jetzt weitere Studien zeigen“, sagt Erstautorin Dr. Bianca Raffaelli.