Aktuelles

In der Apotheke werden PTA mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Lesen Sie hier die tagesaktuellen News aus den Bereichen Pharmazie, Forschung, Ernährung, Gesundheit und vielem mehr. Bleiben Sie informiert, um Ihre Kunden stets kompetent zu beraten.

5 min merken gemerkt Artikel drucken

Apfelessig: Warum der Abnehm-Hype ins Wanken gerät

weibliche Hand gießt Apfelessig aus einer Glaskaraffe in ein mit Wasser gefülltes Glas
Apfelessig sollte stets verdünnt eingenommen werden. | Bild: Анастасия Савченко / AdobeStock

Im Apothekenalltag berichten Kunden nicht selten über Probleme mit dem Körpergewicht. Auf der Suche nach unkomplizierten Tipps stoßen viele auf Trends in den sozialen Netzwerken oder Medien – so zuletzt auf Apfelessig, dessen Abnehm-Effekt aufgrund einer Studie angepriesen wird, die nun zurückgenommen wurde. Was war passiert und was kann Apfelessig nun wirklich?

Trend-Auslöser: Die Forschungsarbeit aus dem Libanon

Die 2024 in „BMJ Nutrition, Prevention & Health“ veröffentlichte Studie aus dem Libanon untersuchte, ob Apfelessig beim Abnehmen helfen kann. 120 übergewichtige Jugendliche und junge Erwachsene (12–25 Jahre) nahmen über zwölf Wochen täglich 5–15 ml Apfelessig in Wasser oder ein Placebo ein. 

Laut den Ergebnissen zeigten sich dosis- und zeitabhängige Rückgänge bei Gewicht und Body-Mass-Index (BMI). Es reduzierten sich Taillen- bzw. Hüftumfang und Körperfett. Außerdem wurden Blutzucker-, Triglycerid- und Cholesterinwerte gesenkt – ohne Nebenwirkungen.

Zur Erinnerung: Wie wird der BMI berechnet?

Der Body-Mass-Index (BMI) wird mit folgender Formel berechnet:  

BMI = Körpergewicht in kg/(Körpergröße in m)2, mit der Einheit kg/m2 (Kilogramm pro Quadratmeter)

Eingeteilt werden die BMI-Werte folgendermaßen:

Übergewicht ≥ 25,0
Präadipositas 25,0–29,9
Adipositas Grad I 30,0–34,9
Adipositas Grad II 35,0–39,9
Adipositas Grad III ≥ 40

Apfelessig: Warum die Studie zurückgezogen wurde

Internationale Kritik führte zur Rücknahme der Veröffentlichung. Auch Untersuchungen des BMJ ergaben Fehler in Durchführung und Auswertung: unplausible Werte, keine zufällige Zuordnung in Behandlungsgruppen (Randomisierung) und mangelhafte statistische Analyse. 

Apfelessig entschlüsselt – Inhaltsstoffe und Wirkung

Apfelessig entsteht durch eine zweistufige Gärung aus Apfelsaft. Hefen wandeln den Zucker zunächst in Alkohol (Apfelwein) um und Essigsäurebakterien anschließend in Essigsäure.  

Neben der wirksamen Essigsäure sind in Apfelessig nur kleine Mengen an Vitaminen (u. a. A, B, C, Beta-Carotin) und Mineralstoffen (etwa Magnesium und Calcium) enthalten. Die Nährstoffversorgung ist durch die üblichen Verzehrmengen im Vergleich zu einem ganzen Apfel gering. 

Bedeutender sind organische Säuren und sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und phenolische Verbindungen, denen antioxidative und antimikrobielle Eigenschaften zugeschrieben werden.  

Traditionell wird Apfelessig eine Vielzahl gesundheitlicher Vorteile nachgesagt, etwa für Stoffwechsel, Verdauung, Haut oder zur Entgiftung. Wissenschaftliche Nachweise sind bislang jedoch wenig aussagekräftig.

Die aktuelle Studienlage zu Apfelessig

Einige Studien untersuchten Effekte von Apfelessig bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes oder Übergewicht: Es wurde beobachtet, dass Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin sowie der Nüchternblutzucker und der Blutzuckerlangzeitwert HbA1c sanken. Außerdem kam es teilweise zu einer erhöhten Insulinausschüttung. Magenreizungen oder Unverträglichkeiten traten nur selten auf.  

Auch die Kombination von Apfelessig mit einer kalorienreduzierten Diät wurde erforscht. Die Ergebnisse zeigten Senkungen von Gewicht und BMI sowie Reduzierung von Umfang der Taille und Hüfte. 

Die Wirkmechanismen, die hinter diesen Effekten vermutet werden, beziehen sich vorrangig auf die im Apfelessig enthaltene Essigsäure. Folgende Vorgänge könnten demnach die Ergebnisse erbracht haben:

  • verzögerte Magenentleerung und dadurch verlangsamte Glukoseaufnahme
  • Hemmung der Glukoseproduktion in der Leber
  • Unterstützung der Insulinsensitivität durch Essigsäure
  • Förderung des Fettabbaus / Hemmung der Fettbildung
  • Beeinflussung von Sättigung und Appetit

Studien zu Apfelessig häufig von schlechter Qualität

Allerdings sind die bisherigen Studien von mangelhafter Qualität, da häufig methodische und statistische Fehler vorliegen. Dadurch sind die Ergebnisse nicht direkt auf den Alltag übertragbar.

Problem der StudienKonsequenz
Kurze Beobachtungszeiträume Langzeitwirkung unklar
Kleine ProbandenzahlenStatistisch begrenzte Aussagekraft
Uneinheitliche Probandenauswahl (Erkrankungen, regional)Keine Generalisierbarkeit, Vergleichbarkeit oder Übertragbarkeit
Variable Begleitmaßnahmen (Sport, Ernährung, Medikamente)
Anwendung uneinheitlich (Dosis, Verdünnung, Kontrollgruppen)
Variable Messpunkte (Blutzucker, Blutfettwerte, Körpermaße)
Bekannte Gruppenzuordnung, keine Verblindung (Geschmack)Placebo-Effekte möglich
Unvollständige Angaben zu NebenwirkungenSicherheitsbewertung schwierig

 

Zudem bieten statistisch bedeutsame Effekte nicht automatisch einen tatsächlichen medizinischen Nutzen. Bis zum Vorliegen belastbarer Forschung bleibt Apfelessig höchstens eine Ergänzung – kein Ersatz für gewichtsreduzierende Strategien oder Therapien.

Abnehmen durch fundierte Empfehlungen statt Trends

Langfristig abnehmen erfordert eine nachhaltige Lebensstiländerung. Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) umfassen sowohl Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen als auch Verhaltenstherapie zur Änderung von Gewohnheiten. Ausgewogene Kost und körperliche Aktivität erzeugen ein Energiedefizit und verbessern die Lebensqualität.

Eine professionelle Ernährungsberatung sowie ein Ernährungs- und Aktivitätstagebuch können die Umstellung erleichtern. Das soziale Umfeld und Selbsthilfegruppen unterstützen die Motivation und das Durchhaltevermögen. In einigen Fällen ist eine ärztliche Begleitung ratsam. Die Aufklärung über Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Fettstoffwechselstörungen ist dabei zentral.

Trends stets kritisch hinterfragen

Der Hype um Apfelessig veranschaulicht, wie schnell Einzelbeobachtungen zu vermeintlichen Wundermitteln generalisiert werden. Umso bedeutender ist die fundierte Beratung in der Apotheke, die realistische Einordnung von Trends und das kritische Hinterfragen von Studien.  

So kann Apfelessig im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung individuell erwogen werden, er liefert jedoch keine wissenschaftlich belegte Gewichtsreduktion. PTA sollten im Beratungsgespräch darauf hinweisen, dass Apfelessig immer verdünnt (1–2 EL auf ein Glas Wasser) eingenommen werden sollte, um Schleimhautreizungen und Zahnschmelzschäden zu vermeiden.

Klar ist: Kein Präparat der Welt kann einen gesunden Lebensstil ersetzen – langfristige Erfolge entstehen nur durch Kontinuität, ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung. Quellen:
https://doi.org/10.1136/bmjnph-2023-000823
https://doi.org/10.1136/bmjnph-2024-000997
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/nahrungsergaenzungsmittel-mit-apfelessig-wirkung-nicht-bewiesen-8550
https://doi.org/10.1016/j.jff.2018.02.003
https://doi.org/10.3389/fnut.2025.1528383
https://doi.org/10.3389/fcdhc.2023.1288786
Beheshti, Z. et al. (2012). Influence of apple cider vinegar on blood lipids. Life Science Journal. 9. 2431-2440.
https://doi.org/10.1186/s12906-021-03351-w
https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-empfehlungen/
https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/der-leitfaden-ernaehrungstherapie-in-klinik-und-praxis/standard-titel/