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Wellness-Trend: Was können Ohrsamen?

Sie sind kaum größer als ein Stecknadelkopf, kleben dezent auf der Ohrmuschel und versprechen Linderung bei zahlreichen Beschwerden: Ohrsamen, auch als Ear Seeds bekannt, haben sich von einer traditionellen Heilmethode zu einem regelrechten Wellness-Trend entwickelt.
Selbst Supermodels schwören mittlerweile auf die kleinen goldenen Punkte, die eher wie Schmuck als nach Therapie aussehen. Doch was ist dran an der Methode, die ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hat?
Ear Seeds: Von der TCM zum modernen Wellness-Trend
Die Aurikulotherapie – die therapeutische Stimulation von Punkten am äußeren Ohr – basiert auf der Vorstellung, dass die Ohrmuschel eine Art Landkarte des gesamten Körpers darstellt. Dieses Konzept wurde bereits im antiken China entwickelt und im medizinischen Klassiker „Yellow Emperor’s Canon of Medicine“ dokumentiert.
In den 1950er Jahren entwickelte der französische Neurochirurg Paul Nogier diese Idee weiter und prägte die moderne Ohrakupunktur mit seiner Theorie vom invertierten Fötus: Die Ohrmuschel bilde demnach den menschlichen Körper in umgekehrter Position ab, wobei spezifische Ohrregionen mit bestimmten Organen und Körperfunktionen übereinstimmen.
Im Gegensatz zur klassischen Ohrakupunktur mit Nadeln kommt die Ohrakupressur mit Samen ohne Hautverletzungen aus. Winzige Vaccaria-Pflanzensamen oder Metallperlen werden mit hypoallergenem Klebeband auf ausgewählte Akupressurpunkte am Ohr aufgebracht.
Einmal vom Therapeuten platziert, können die Samen dort mehrere Tage bis Wochen verbleiben, und Patienten stimulieren die Punkte selbstständig durch leichten Druck, wann immer sie es benötigen.
Ohrsamen: Breites Anwendungsspektrum von Schmerz bis Sucht
Die Liste der Beschwerden, bei denen Ohrsamen zum Einsatz kommen, ist beeindruckend lang. In Kliniken und Therapiezentren werden sie gegen
- akute und chronische Schmerzen,
- Kopfschmerzen,
- Schlafstörungen,
- Stress,
- Angststörungen,
- Allergien,
- rheumatische Erkrankungen und sogar
- zur Unterstützung bei Suchterkrankungen oder als begleitende Therapie bei Krebserkrankungen eingesetzt.
In Deutschland nutzen insbesondere Einrichtungen der Traditionellen Chinesischen Medizin die Methode etwa bei der Raucherentwöhnung oder zur Behandlung von Schlafstörungen.
Sowohl die TCM als auch die westliche Medizin finden Erklärungen für die Wirkungsweise: Während die TCM von einer Regulation des Energieflusses, des sogenannten Qi, ausgeht, vermuten Wissenschaftler, dass die Stimulation der nervenreichen Ohrmuschel Impulse an das Gehirn sendet. Diese könnten die Ausschüttung schmerzlindernder Endorphine und anderer Neurotransmitter anregen oder die Übertragung von Schmerzsignalen blockieren.
Am äußeren Ohr befinden sich tatsächlich zahlreiche Nerven, unter anderem auch der Vagusnerv, dessen Stimulation mit beruhigenden und entzündungshemmenden Effekten in Verbindung gebracht wird.
Ohrsamen: Studien zu Angst, Schlaf und Schmerzen
Die wissenschaftliche Datenlage zur Ohrakupressur ist sehenswert, wenn auch nicht ohne Schwächen. Eine brasilianische Studie mit Pflegepersonal untersuchte die Wirkung auf Angst und Schmerz.
Nach zehn Sitzungen zeigte sich in der Gruppe, die Ohrsamen erhielt, eine statistisch signifikante Angstreduktion, wenngleich Ohrakupunktur mit Nadeln noch bessere Ergebnisse erzielte. Auch die Schmerzreduktion war mit knapp einem Viertel weniger Schmerzen nach der Behandlung durchaus erkennbar.
Besonders vielversprechend sind die Daten zur Schlafverbesserung. Eine systematische Übersichtsarbeit, die mehrere Studien zur Aurikulotherapie bei Schlaflosigkeit auswertete, kam zu dem Schluss, dass die Methode positive Effekte haben kann. Die Studien zeigten Verbesserungen bei Einschlafdauer, Schlafeffizienz und Gesamtschlafdauer.
Allerdings wurde auch hier betont, dass die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien verbesserungswürdig sei und weitere, hochwertigere Untersuchungen notwendig sind.
Eindrucksvoll sind auch die Ergebnisse einer Pilotstudie zu chronischen Rückenschmerzen. Nach nur sieben Tagen Behandlung mit Ohrsamen berichteten die Teilnehmer über eine Schmerzreduktion von etwa der Hälfte bei durchschnittlichen Schmerzen und über ein Drittel Reduktion bei den stärksten Schmerzen. Mehr als die Hälfte der Probanden reduzierte auch die Einnahme von Schmerzmitteln.
Studienqualität zu Ear Seeds niedrig bis moderat
So vielversprechend diese Ergebnisse auch klingen – die Studienqualität weist durchgängig erhebliche Mängel auf. Das größte Problem: Eine echte Verblindung ist kaum möglich. Patienten merken natürlich, ob Samen auf ihr Ohr geklebt wurden oder nicht, und auch Therapeuten können nicht verblindet werden.
Viele Untersuchungen haben zudem kleine Stichprobengrößen, unzureichende Kontrollgruppen oder kurze Beobachtungszeiträume. Die Stichproben sind oft nicht repräsentativ, da Teilnehmer häufig gezielt nach der Methode suchten und ihr gegenüber positiv eingestellt waren.
Langzeitstudien fehlen weitgehend. Und: Die genaue Platzierung der Samen variiert zwischen verschiedenen Therapeuten und Schulen, was Vergleiche erschwert.
Systematische Übersichtsarbeiten bewerten die Evidenzqualität daher meist als niedrig bis moderat. Die Schlussfolgerung lautet regelmäßig: Ohrakupressur zeigt vielversprechende Effekte, aber die Beweislage ist noch nicht ausreichend für eine eindeutige Empfehlung. Es bedarf größerer, methodisch hochwertiger Studien mit längeren Nachbeobachtungszeiträumen.
Hinweise zur Anwendung von Ohrsamen
Ein großer Vorteil der Ohrsamen: Sie gelten als sicher. Da die Haut nicht durchstochen wird, besteht kein Infektionsrisiko. Die häufigsten Nebenwirkungen sind lokale Hautreaktionen wie Rötungen, leichte Schmerzen oder Druckempfindlichkeit an den Klebestellen.
In seltenen Fällen können allergische Reaktionen auf das Klebeband auftreten – hier können latexfreie, hypoallergene Varianten verwendet werden.
Gut zu wissen: Für wen sind Ear Seeds nicht geeignet?
Schwangere Frauen sollten vorsichtig sein, da bestimmte Ohrpunkte Wehen auslösen könnten. Immungeschwächte Patienten sollten die Anwendung ebenfalls mit ihrem Arzt besprechen. Bei Hauterkrankungen, offenen Wunden oder Entzündungen am Ohr ist die Methode nicht geeignet.
Die Kosten sind überschaubar: Ein einzelnes Pflaster mit Samen kostet nur wenige Cent, eine komplette Behandlung liegt meist zwischen ein bis zwei Euro an Materialkosten. Im Vergleich zur klassischen Akupunktur, die oft zwei- bis dreistellige Beträge pro Sitzung kostet, ist die Ohrakupressur deutlich günstiger.
Zudem ist sie als Selbsthilfemethode zu Hause anwendbar, wobei die Platzierung durch einen Therapeuten empfohlen wird. Für die Anwendung zu Hause werden Anleitungen zur Platzierung der Ear Seeds angeboten. Hier sind neben der medizinischen Komponente auch Punkte zur Verbesserung des Hautbildes oder zur Unterstützung der Hautregeneration kartiert.
Je nach Bedürfnis können mehrere Punkte gleichzeitig stimuliert werden, für einen stärkeren Effekt wird empfohlen, beide Ohren zu bekleben. Erste Effekte sollen z. B. bei Kopfschmerzen und Stress schon nach wenigen Stunden bis Tagen spürbar sein. Die Ohrsamen sollen bis zu einer Woche tragbar sein, auch bei Kontakt mit Wasser.
Ohrsamen: Beratung in der Apotheke
Apothekenpersonal sollte im Beratungsgespräch darauf achten, die Methode realistisch einzuordnen. Ohrsamen sind keine Wundermittel, können aber als ergänzende Maßnahme ausprobiert werden – besonders bei Patienten, die nach nebenwirkungsarmen, nicht-medikamentösen Optionen suchen.
Die Methode eignet sich gut zur Selbstanwendung bei leichteren Beschwerden wie Stress, Verspannungen oder zur Unterstützung beim Nikotinentzug.
Wichtig ist die Aufklärung darüber, dass Ohrsamen keine etablierte schulmedizinische Therapie ersetzen sollten. Bei ernsthaften oder anhaltenden Beschwerden ist immer eine ärztliche Abklärung notwendig.
Gleichzeitig kann das Apothekenpersonal darauf hinweisen, dass die Methode als Ergänzung zu konventionellen Therapien erwogen werden kann und idealerweise die erste Anwendung durch einen erfahrenen Therapeuten erfolgen sollte, um die richtigen Punkte zu identifizieren.
Die wissenschaftliche Datenlage sollte ehrlich kommuniziert werden: Die Studienqualität lässt zu wünschen übrig. Wer die Methode ausprobieren möchte, geht damit bei korrekter Anwendung kaum ein Risiko ein – sollte aber auch keine unrealistischen Erwartungen haben.
Eine Wirkung kann durchaus auch durch den Placeboeffekt erwartet werden, etwa durch Faktoren wie Erwartungshaltung, Behandlungssituation und Zuwendung.
Die Frage, ob Ohrsamen tatsächlich kleine Helfer mit großem Potenzial sind, bleibt offen. Ob es sich um einen gut vermarkteten Trend mit anekdotischer Evidenz handelt oder ob die Methode ihre Versprechen langfristig halten kann, gilt es in weiteren hochwertigen Studien herauszufinden. Quellen:
https://drmedjulia.com/ohr-samen-vorteile-wie-zu-verwenden-forschung-sicherheit-und-mehr/
https://www.apotheken-umschau.de/therapie/therapiearten/ohren-auf-ear-seedings-rein-
847111.html
https://www.med-mag.de/akupunkturpunkte-bei-ohrpiercings/
https://www.praktischarzt.de/ratgeber/akupressur/
https://rhoots.de/pages/how-to
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5396483/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4425871/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5153313/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3395299/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30340870/