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Digitoxin: Studie belegt Wirksamkeit bei Herzinsuffizienz

Der Fingerhut, auch Digitalis genannt, wird vor allem bei chronischer Herzschwäche mit verminderter Pumpleistung und bei Vorhofflimmern eingesetzt. Die zwei- bis mehrjährige Pflanze aus der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae) wächst bevorzugt auf Waldlichtungen, Böschungen und in Gebirgslagen.
Namensgebend sind die markanten, fingerhutförmigen Blüten. Die weichen, flaumigen Blätter stehen in grundständigen Rosetten und enthalten herzwirksame Glykoside, vor allem Digoxin und Digitoxin. Für die Therapie werden nicht Pflanzenextrakte, sondern ausschließlich die reinen Glykoside verwendet.
Pharmazeutisch relevant sind vor allem
- der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) für die Gewinnung von Digitoxin und
- der Wollige Fingerhut (Digitalis lanata), aus dem Digoxin extrahiert wird.
Gut zu wissen: Der Fingerhut ist eine Giftpflanze
Schon wenige Blätter des Fingerhuts können schwere Vergiftungen verursachen. Symptome sind etwa Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen und Herzrhythmusstörungen bis Herzstillstand. Bei Verdacht muss sofort ärztliche Hilfe eingeholt werden.
Früher war vor allem der Wirkstoff Digoxin verbreitet, da er in vielen Ländern zugelassen und verfügbar war. Aus diesem Grunde beziehen sich auch die meisten Studien auf dieses Glykosid.
Heute hingegen wird Digitoxin in Deutschland am häufigsten verwendet. Bislang allerdings vor allem aufgrund klinischer Erfahrungen, da hochwertige Studien fehlten. Das hat sich mit der DIGIT-HF-Studie nun geändert.
Digitalis in der modernen Herztherapie
Digitalis als Therapeutikum bei chronischer Herzschwäche betrifft Patienten, die trotz optimaler Standardtherapie (Betablocker, ACE-Hemmer/ARNI, SGLT2-Inhibitoren, Diuretika) weiterhin Beschwerden haben. Die Herzglykoside Digoxin und Digitoxin können die Herzfrequenz senken, Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern.
Warum das funktioniert, hängt mit dem Einfluss der Glykoside auf die Herzmuskelzellen zusammen: Digitalis-Glykoside blockieren die Natrium-Kalium-ATPase in den Herzmuskelzellen. Dadurch verändert sich die Verteilung der Ionen innerhalb der Zelle, es steht mehr Natrium und Calcium zur Verfügung.
Daraus ergeben sich drei wichtige Effekte:
- Positiv inotrope Effekte (stärkere Kontraktionskraft)
- Negativ chronotrope Effekte (Senkung der Herzfrequenz)
- Negativ dromotrope Effekte (verlangsamte Erregungsleitung)
Das Herzzeitvolumen bleibt dabei gleich. Die Empfindlichkeit für Herzglykoside ist jedoch individuell unterschiedlich.
Da die therapeutische Breite sehr eng ist, können schon kleine Abweichungen der Blutspiegel Nebenwirkungen verursachen. Regelmäßige Blutkontrollen der Leber- und Nierenwerte sowie der Elektrolyte sind daher unerlässlich.
DIGIT-HF-Studie: Digitoxin zusätzlich zur Standardtherapie
Die DIGIT-HF-Studie untersuchte nun erstmals die Wirksamkeit und Sicherheit von Digitoxin mit über 1.200 Teilnehmern mit Herzinsuffizienz aufgrund einer verminderten Pumpfunktion und einer unzureichenden Entleerung der linken Herzkammer (HFrEF). Alle Teilnehmer erhielten bereits eine leitliniengerechte Therapie.
Die Probanden erhielten zusätzlich zur leitliniengerechten Standardtherapie 0,07 mg Digitoxin täglich oder ein Placebo. Es erfolgten regelmäßige Blutspiegelkontrollen und Überwachungen von Leber- und Nierenfunktion sowie der Elektrolytwerte. Der Studienzeitraum umfasste auch eine mehrjährige Nachbeobachtung.
Die wichtigsten Ergebnisse der DIGIT-HF-Studie
In der DIGIT-HF-Studie senkte Digitoxin beim kombinierten Gesamtergebnis aus Tod oder Krankenhausaufenthalt das Risiko hierfür signifikant. Die einzelnen Ergebnisse (nur Tod bzw. nur Krankenhausaufenthalt) waren zwar besser, aber statistisch nicht gesichert. Für die Praxis zählt daher der Gesamtnutzen.
Besonders bemerkenswert: Selbst Patienten, die bereits optimal nach Leitlinie behandelt wurden, profitierten von der Digitoxin-Gabe.
Es ergab sich auch ein Vorteil für Patienten mit Niereninsuffizienz: Digitoxin wird überwiegend über Leber und Darm ausgeschieden, während Digoxin vor allem über die Niere eliminiert wird. Das macht Digitoxin besonders geeignet für Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz und eingeschränkter Nierenfunktion.
Wirksamkeit und Sicherheit von Digitoxin: niedrige Dosierung ausreichend
In niedriger Dosierung zeigte Digitoxin in der DIGIT-HF-Studie zudem ein gutes Sicherheitsprofil. Bereits niedrigere Dosierungen (0,07 mg täglich) erwiesen sich als wirksam und sicher. Die Studienautoren weisen jedoch darauf hin, dass dennoch engmaschige Kontrollen wichtig sind. Höhere Dosierungen bieten keinen zusätzlichen Nutzen und führen eher zu Nebenwirkungen.
So bestätigt die DIGIT-HF-Studie: Digitoxin ist ein bewährtes Herzglykosid mit nun besonders gut belegter Wirksamkeit. Als Ergänzung zur modernen Herztherapie kann es die Prognose verbessern, Krankenhausaufenthalte reduzieren und bietet für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion klare Vorteile. Quellen:
https://idw-online.de/de/news857332,
https://flexikon.doccheck.com/de/Fingerhut
Arzneimittelprofile für die Kitteltasche, 6. Auflage
Beratungstipps zu Digitoxin
Checkliste für die Beratung:
- Einnahme: immer zur gleichen Tageszeit, unzerkaut, mit etwas Flüssigkeit
- Vergessene Dosis: nicht nachholen oder verdoppeln, sondern ärztlichen Rat einholen
- Wechselwirkungen beachten:
- Medikamente, die den Kaliumspiegel senken: Laxantien und Diuretika, erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen unter Digitoxin
- CYP-3A4-Inhibitoren können den Digitoxin-Spiegel erhöhen (z. B. Makrolid-Antibiotika, bestimmte Antidepressiva, Amiodaron, Verapamil)
- Warnzeichen für Überdosierung: Übelkeit, Herzrhythmusstörungen, Sehstörungen (Gelb- oder Grünstich), dann sofort ärztliche Hilfe aufsuchen!
- Regelmäßige Kontrolle: Leber- und Nierenfunktion, Kaliumwerte