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Unfruchtbarkeit: Neue globale WHO-Leitlinie

Viele Paare sind mit dem Thema Unfruchtbarkeit konfrontiert: Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlebt etwa jede sechste Person im gebärfähigen Alter im Laufe ihres Lebens diese Herausforderung. Das bedeutet, dass es trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs innerhalb eines Jahres nicht zu einer Schwangerschaft kommt.
Um den Betroffenen möglichst einfach zugängliche und kostengünstige Versorgungsoptionen zu ermöglichen, hat die WHO kürzlich eine globale Leitlinie zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Unfruchtbarkeit veröffentlicht.
WHO-Leitlinie: wissenschaftliche Empfehlungen bei Unfruchtbarkeit
Die neue Leitlinie enthält circa vierzig evidenzbasierte Empfehlungen, welche weltweit für die medizinische Versorgung von Männern und Frauen, die von Unfruchtbarkeit betroffen sind, als Grundlage dienen sollen.
Die WHO hebt hervor, dass die Erstellung der Leitlinie vor allem durch die deutlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern notwendig wurde. Insbesondere der Zugang zur reproduktionsmedizinischen Versorgung variiert weltweit stark und ist für viele Betroffene nicht so einfach verfügbar.
Finanzielle Ungleichheit: Kinderwunschbehandlungen sehr kostspielig
Außerdem können sich viele Paare eine Behandlung gar nicht leisten. Auch in Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen nur in bestimmten Fällen einen Teil der Kosten.
Gut zu wissen: Wann finanziert die GKV eine Kinderwunschbehandlung mit?
Folgende Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit die Krankenkasse die Behandlungskosten unterstützt:
- Die betroffenen Personen sind miteinander verheiratet und es werden ausschließlich Ei- und Samenzellen der Ehepartner verwendet.
- Beide Ehepartner sind mindestens 25 Jahre alt. Die Frau darf nicht älter als 40, der Mann nicht älter als 50 Jahre alt sein.
- Die Unfruchtbarkeit muss ärztlich festgestellt worden sein.
- Vor der Behandlung muss eine medizinische oder psychosoziale Beratung stattgefunden haben.
- Ärztliche Feststellung auf hinreichende Aussicht auf Erfolg, die i. d. R. für drei Versuche ausgelegt ist.
- Ein Antrag auf Genehmigung bei der GKV vor Beginn der Behandlung.
Es gibt aber auch Länder, in denen Kinderwunschbehandlungen generell als Privatleistungen gelten, weshalb Paare mit mittlerem oder geringem Einkommen gut abwägen müssen, welche Schritte sie einleiten.
Unfruchtbarkeit: emotionale Belastung für Betroffene
Eine ungewollte Kinderlosigkeit stellt schon an sich eine belastende Situation für die Betroffenen dar. Wenn man sich allerdings eine mögliche Behandlung nicht leisten kann oder der Zugang erschwert ist, kann dies weitreichende negative Auswirkungen auf die Psyche haben.
Die WHO-Leitlinie hebt diesen psychosozialen Punkt stark hervor und betont die Bedeutung der emotionalen Unterstützung der Paare. Beratung und Hilfsangebote werden als fester Bestandteil der Versorgung beschrieben – von der Diagnostik bis zum Ende der Therapie.
Gründe für Unfruchtbarkeit nicht immer bekannt
In der Leitlinie werden außerdem die verschiedenen Formen der Unfruchtbarkeit erläutert. Die Ursachen liegen entweder nur beim Mann, nur bei der Frau oder auf beiden Seiten. Weiterhin gibt es Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, bei denen die Gründe unklar sind.
Die Fruchtbarkeit kann eingeschränkt werden durch
- frühere Infektionen (z. B. Chlamydien oder Gonorrhö),
- Schilddrüsenerkrankungen der Frau,
- eine schlechte Spermienqualität,
- Erkrankungen des Hodens (z. B. Kampfadern),
- hormonelle Störungen (z. B. Polyzystisches Ovarialsyndrom),
- Endometriose,
- den Lebensstil (z. B. Rauchen, exzessiver Alkoholkonsum),
- ein höheres Lebensalter oder
- starkes Übergewicht.
Unfruchtbarkeit: konkrete Handlungsempfehlungen von der WHO
Die Autoren empfehlen ein klares Stufenkonzept. Zuerst sollen einfache Methoden angewendet werden, bevor ein Verfahren der künstlichen Befruchtung zum Einsatz kommt.
Im ersten Schritt erfolgt je nach Vorkenntnissen eine Aufklärung zum Zyklus, den fruchtbaren Tagen, zu sexuell übertragbaren Krankheiten, dem Lebensstil und anderen wichtigen Faktoren. Außerdem lassen sich so mögliche Risikofaktoren und Auslöser erkennen, die für das weitere Vorgehen entscheidend sein können.
Zudem werden für viele häufig auftretende Ursachen konkrete Handlungsempfehlungen aufgezeigt, z. B. bei Eileiter-Verklebungen, bei unklaren Gründen für die Unfruchtbarkeit sowie zur Verbesserung der Spermienqualität. Auch sollten klare Diagnose- und Behandlungskonzepte bei PCOS erstellt werden.
Globale WHO-Leitlinie: Länder müssen Anpassungen einarbeiten
Die WHO rät dazu, einfach zugängliche Informationsangebote zum Thema Unfruchtbarkeit zu schaffen. Das kann bereits in der Schule erfolgen, aber auch in Apotheken sowie kinderärztlichen, gynäkologischen oder urologischen Praxen. Denkbar ist eine analoge und digitale Wissensvermittlung, beispielsweise als Broschüren oder über die sozialen Netzwerke.
Wie die Leitlinie in den einzelnen Ländern in die Versorgungsempfehlungen eingebaut wird, bleibt abzuwarten, denn das können die Länder selbst entscheiden.
Hier spielt vor allem die politische Einschätzung zum Thema „Unfruchtbarkeit als Gesundheitsproblem“ eine wichtige Rolle. In vielen Ländern wird die Versorgung bei unerfülltem Kinderwunsch, im Gegensatz zur WHO-Position, zum aktuellen Zeitpunkt als individuelle Angelegenheit betrachtet. Quelle:
https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/ad3b700d-2c90-44fc-bd6f-fd93227b6a5a/content