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Abnehmspritzen: Mehr Giftnotrufe in den USA durch Anwendungsfehler

Hand hält Packung Wegovy 1 mg in die Kamera
Je nach Wirkstoff muss eine Abnehmspritze wöchentlich oder täglich angewendet werden. | Bild: Semi / AdobeStock

Abnehmspritzen mit Wirkstoffen wie Semaglutid werden immer häufiger zur Behandlung von Adipositas eingesetzt. Mit ihrer zunehmenden Nutzung steigt allerdings auch die Zahl der gemeldeten Anwendungsfehler. Besonders die richtige Dosierung und die Abstände zwischen den Injektionen bereiten offenbar Schwierigkeiten. 

Ein Forschungsteam der University of Texas in San Antonio hat untersucht, wie sich die Meldungen zu GLP-1-Rezeptoragonisten bei amerikanischen Giftnotrufzentralen entwickelt haben. Die Ergebnisse wurden 2026 im „Journal of Medical Toxicology“ veröffentlicht.

Die Wissenschaftler werteten Daten aus den Jahren 2012 bis 2023 aus. Insgesamt wurden 10.003 Fälle erfasst. Besonders deutlich stiegen die Meldungen nach der US-Zulassung von Semaglutid zur Gewichtsreduktion im Juni 2021. Danach nahm die Meldehäufigkeit bei Semaglutid pro Quartal zusätzlich um rund 9,9 Prozent zu.

Semaglutid besonders häufig von Anwendungsfehlern betroffen

Nach der Zulassung zur Gewichtsreduktion entfielen 64,2 Prozent der gemeldeten Fälle auf Semaglutid. Auch die betroffene Patientengruppe veränderte sich. Das Durchschnittsalter sank von 57 auf 51,6 Jahre. Gleichzeitig stieg der Frauenanteil von 68,9 auf 78,2 Prozent.

Die meisten Meldungen gingen nicht auf einen absichtlichen Missbrauch zurück. Vielmehr handelte es sich überwiegend um unbeabsichtigte Fehler während der Behandlung. Nach der Zulassung zur Gewichtsreduktion machten solche Fehler 81 Prozent der Fälle aus.  

Die steigende Zahl der Giftnotrufe bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die Arzneimittel gefährlicher geworden sind. Schließlich werden GLP-1-Agonisten inzwischen von deutlich mehr Menschen angewendet. Wie häufig Fehler im Verhältnis zur Gesamtzahl der Anwender auftreten, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.

Abnehmspritze falsch dosiert: Täglich statt wöchentlich

Ein häufiger Fehler betrifft den Abstand zwischen den Injektionen. Semaglutid wird als Injektionspräparat normalerweise einmal wöchentlich angewendet. Einige Betroffene spritzten den Wirkstoff jedoch täglich. Dadurch kann innerhalb kurzer Zeit eine deutlich zu hohe Wirkstoffmenge verabreicht werden. 

Auch beim Behandlungsbeginn können Fehler auftreten. GLP-1-Agonisten werden meist zunächst niedrig dosiert. Anschließend wird die Dosis schrittweise erhöht, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Wer direkt mit einer hohen Dosis beginnt oder diese zu schnell steigert, riskiert stärkere Beschwerden. Da einige Wirkstoffe lange im Körper bleiben, können die Nebenwirkungen mehrere Tage anhalten.

Nicht alle GLP-1-Agonisten werden im gleichen Abstand gespritzt. Während Semaglutid und Tirzepatid einmal wöchentlich angewendet werden, muss beispielsweise Liraglutid täglich injiziert werden. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten die Anwendung ihres jeweiligen Präparats genau kennen.

GLP-1-Überdosierung: Welche Beschwerden sind möglich?

Eine zu hohe Dosis kann vor allem Magen-Darm-Beschwerden auslösen. Typisch sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen. GLP-1-Agonisten verzögern unter anderem die Magenentleerung und verstärken das Sättigungsgefühl. Bei einer Überdosierung können diese Wirkungen besonders stark ausfallen. 

Meist bleiben die Beschwerden mild. Starkes oder länger anhaltendes Erbrechen kann jedoch zu einem erheblichen Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten führen. Auch Kreislaufprobleme sind möglich. Eine Unterzuckerung kann insbesondere dann auftreten, wenn zusätzlich Insulin oder Sulfonylharnstoffe angewendet werden.

Die Studie zeigt außerdem, dass nach 2021 häufiger eine medizinische Versorgung erforderlich wurde. Der Anteil der Betroffenen, die bereits in einer medizinischen Einrichtung waren oder dorthin überwiesen wurden, stieg von 23 auf 33,5 Prozent. Schwere Vergiftungen waren dennoch selten.

Tirzepatid: Todesfall nach schweren Darmkomplikationen

Neben den überwiegend milden Verläufen wurde in den USA auch ein Todesfall im Zusammenhang mit der Anwendung von Tirzepatid bekannt. Die betroffene Person hatte rund drei Wochen nach einer Fettabsaugung mit der Behandlung begonnen. Bereits zehn Tage später musste sie wegen starker Bauchschmerzen und eines geblähten Bauches ins Krankenhaus. Zuvor hatte sie mehrere Tage keinen Stuhlgang gehabt.

Die Untersuchungen zeigten einen stark erweiterten Dickdarm. An mehreren Stellen war die Durchblutung der Darmwand beeinträchtigt, sodass Teile des Darms operativ entfernt werden mussten. Nach dem Eingriff traten schwere Blutungen auf, die schließlich zu einem tödlichen Kreislaufschock führten.

Ob Tirzepatid an der Entstehung der Komplikationen beteiligt war, bleibt unklar. Der Fall zeigt jedoch, wie wichtig es ist, anhaltende Verstopfung und starke Bauchschmerzen während einer Behandlung mit GLP-1-basierten Arzneimitteln ernst zu nehmen und ärztlich abklären zu lassen.

Abnehmspritze überdosiert: Was ist zu tun?

Wer versehentlich eine zu hohe Dosis gespritzt hat, sollte zeitnah ärztlichen Rat oder eine Giftnotrufzentrale kontaktieren. Das gilt auch dann, wenn zunächst keine Beschwerden auftreten. 

Wichtig sind Angaben zum Präparat, zur Wirkstoffstärke, zur gespritzten Menge und zum Zeitpunkt der Injektion. Auch weitere Medikamente sollten genannt werden. Bei starkem Erbrechen, heftigen Bauchschmerzen oder Kreislaufproblemen ist eine schnelle ärztliche Abklärung notwendig. Bei lebensbedrohlichen Beschwerden muss der Rettungsdienst gerufen werden.

Ein spezielles Gegenmittel gibt es nicht. Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden. Bei starkem Flüssigkeitsverlust können beispielsweise Infusionen erforderlich sein.

GLP-1-Agonisten: Worauf kommt es in der Apothekenberatung an?

Die Studienergebnisse zeigen, wie wichtig eine verständliche Beratung ist. Gerade bei der ersten Verordnung sollte nicht vorausgesetzt werden, dass Patienten bereits mit der Anwendung eines Pens vertraut sind. 

Wichtig ist, dass sie wissen, welche Dosis vorgesehen ist und wie häufig sie das Präparat anwenden müssen. Auch die schrittweise Dosissteigerung sollte erklärt werden. 

Eine praktische Einweisung in den Pen kann helfen, Fehler zu vermeiden. Besonders bei einem Präparatewechsel ist Vorsicht geboten, da sich die Handhabung und die Dosierung unterscheiden können.

Ein fester Wochentag oder eine Erinnerung im Smartphone kann vor versehentlichen Doppelgaben schützen. Wird eine Injektion vergessen, sollten sich Patienten an die Vorgaben der Packungsbeilage halten und die Dosis nicht eigenständig verdoppeln.

Auch mögliche Nebenwirkungen gehören zur Beratung. Patienten sollten wissen, welche Beschwerden auftreten können und wann ärztliche Hilfe notwendig ist.