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„T-Maxxing“ auf Kassenkosten? Testosteron-Verschreibungen nehmen zu

Mann mit nacktem Oberkörper reibt sich ein Gel auf die Schulter
Das Aufnehmen von zusätzlichem Testosteron soll Muskeln und Libido wachsen lassen. | Bild: mbruxelle / AdobeStock

„Müde und antriebslos, deprimiert, gereizt, deine Muskeln sind nicht so definiert, wie sie sein könnten, du hast keinen Partner und du fühlst dich nicht männlich genug? – die Antwort darauf ist, du leidest an Low T“ – so oder so ähnlich lautet die Ansprache besonders an junge Männer in den sozialen Medien. 

Zu wenig des Sexualhormons Testosteron – „Low T“, so der griffige Hashtag – soll die Ursache dieser Probleme sein und sei weit verbreitet, erklären die vermeintlichen gesundheitsprofessionellen Influencer auf Instagram, TikTok und Co.

Dagegen steuern könne man, indem man seinen Testosteron-Spiegel durch Substitution mit entsprechenden Arzneimitteln wieder steigere, heißt es. „T-Maxxing“, so der andere zugehörige Hashtag, verspricht mehr „Männlichkeit“ und mehr maskuline Eigenschaften, inklusive Erfolg im Sport, Beruf und natürlich bei möglichen Sexualpartnern.

Risiken einer Supplementation von Testosteron

Tatsächlich können diese körperlichen Erscheinungen Symptome des sogenannten Hypogonadismus sein, also einer Funktionsstörung der Hoden. Die Prävalenz liegt allerdings bei ansonsten gesunden Männern unter 50 Jahren bei nur rund 4 Prozent. 

Erst mit dem Alter lässt die Testosteron-Produktion natürlicherweise nach. Jedoch z. B. der Missbrauch anaboler Steroide führt zu einem erhöhten Risiko für Hypogonadismus – aber auch Übergewicht oder Diabetes.

Dagegen ist es durchaus mit Risiken verbunden, wenn Gesunde zusätzlich Testosteron in irgendeiner Form einnehmen. Folgen können sein:

  • Akne und andere Hautreaktionen
  • Wassereinlagerungen
  • Abnahme der Fruchtbarkeit bis zur Unfruchtbarkeit
  • Höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Leberschäden
  • Höheres Risiko für Prostatakrebs

Testosteron: Hohe Verordnungszahl trotz unveränderter Krankenzahlen

Trotz der niedrigen Prävalenz (Anzahl der Krankheitsfälle zu einem bestimmten Zeitpunkt oder während eines bestimmten Zeitraums) und dem großen Spektrum an unerwünschten Wirkungen zeigt eine aktuelle Studie, dass unter anderem die Social-Media-Trends Auswirkungen haben, z. B. für die Gemeinschaft der gesetzlich Versicherten.

So sei das Verordnungsvolumen von testosteronhaltigen Arzneimitteln in Deutschland zwischen 2005 und 2023 um 415 Prozent angestiegen, heißt es in der jetzt im Bulletin für Arzneimittelsicherheit erschienenen Studie. 

„Da es nicht plausibel erscheint, dass sich die Prävalenz der zugrunde liegenden Indikationen in diesem Ausmaß geändert hat, liegt der Verdacht nahe, dass der starke Anstieg in Teilen auf einen nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch zurückzuführen sein könnte“, schreiben die Bremer Forschenden.

Die Epidemiologen werteten für ihre Arbeit die Daten der sogenannten pharmakoepidemiologischen Forschungsdatenbank GePaRD (German Pharmacoepidemiological Research Database) aus, die Abrechnungsdaten von vier gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland umfasst.

Zahl der Testosteron-Erstverordnungen bei jungen Männern gestiegen

Auffällig war, dass der Anstieg bei den 20- bis 29-jährigen jungen Männern in diesem Zeitraum am höchsten war. Gleichzeitig sei in dieser Altersgruppe der Anteil der Hausärzte und -ärztinnen als Erstverordner gestiegen. (Die meisten Verordnungen stammen allerdings von Urologen.) 

Die altersspezifischen und altersstandardisierten Verordnungsprävalenzen pro 1.000 Jungen/Männer stieg in der Altersgruppe in dem untersuchten Zeitraum um 118 Prozent. Sowohl 2009 als auch 2021 zeigte sich aber die höchste Prävalenz in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen.

Unzureichende Diagnostik vor Erstverordnung von Testosteron

Über alle Altersgruppen hinweg habe sich bei etwa einem Drittel der Patienten mit einer Erstverordnung keine Diagnose in den Abrechnungsdaten gefunden, die auf eine zugelassene Indikation hinweisen könne. 

Und bei denjenigen mit einem ICD-10-Code für Hypogonadismus habe es nur in etwa 60 Prozent der Fälle die nach Leitlinien erforderlichen zwei Messungen des Serum-Testosteron-Spiegels gegeben – mit der ein Hypogonadismus sicher diagnostiziert werden kann.

Auffällig auch, dass bei den Verschreibungen insbesondere die leicht anzuwendenden transdermalen Präparate in dem untersuchten Zeitraum zugenommen hätten. Bis zum Jahr 2009 hatten intramuskuläre Injektionen des Sexualhormons die Verschreibungen dominiert.

Nicht bestimmungsgemäßer Gebrauch lässt Verordnungen zunehmen

Das alles spreche dafür, so die Forschenden, dass auf Kosten der Allgemeinheit – bzw. der gesetzlichen Krankenkassen – testosteronhaltige Arzneimittel verschrieben würden, bei denen es sich um „nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch handeln könnte, beispielsweise für den Muskelaufbau im (Leistungs-) Sport oder bei altersbedingtem Libidoverlust“ – oder eben um Trends wie T-Maxxing zu bedienen.

Ein solcher Anstieg sei auch in anderen Ländern zu verzeichnen gewesen, schreiben die Forschenden. Natürlich könnten die Studiendaten nicht konkret belegen, dass es sich um Missbrauch handele – die Anzeichen sprächen aber dafür, sagen die Wissenschaftler. 

Sie merken an, ihre Studienergebnisse könnten dazu dienen, „die Relevanz von Maßnahmen zur Eindämmung eines möglicherweise nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchs besser einschätzen zu können“. 

In manchen Ländern sei durch eine Verschärfung der Verschreibungskriterien der ansteigende Trend zumindest teilweise aufgehalten oder sogar umgekehrt worden, schreiben sie. Quellen:
https://www.urologic.theclinics.com/article/S0094-0143(16)00003-3/abstract
https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Testosteron_1130
https://www.bfarm.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Bulletin/Ausgaben/2025/3-2025.pdf?__blob=publicationFile