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Doomscrolling: Wenn endloses Scrollen zum Problem wird

Smartphone in den Händen eines dunkelhaarigen Mädchens
Viele Jugendliche verbringen sehr viel Zeit an ihrem Smartphone. | Bild: Larysa / AdobeStock

Sind TikTok, Instagram und Co. ähnlich gefährlich wie Alkohol oder Tabak? Diese Frage bringt derzeit in den USA Meta und Google vor Gericht, in der EU TikTok in Bedrängnis und in der Bundespolitik deutsche Schulhöfe in den Fokus. Die CDU hat auf ihrem Parteitag beschlossen, sich für ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige einzusetzen. 

Die Forschung beschäftigt sich schon seit längerem mit der Frage: Welche Folgen hat es, wenn Kinder und Jugendliche große Teile ihres Tages mit Scrollen verbringen? Einige Erkenntnisse im Überblick. 

Medienzeit bei Kindern auf bis zu vier Stunden pro Tag gestiegen

Mehrere Untersuchungen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass Kinder und Jugendliche immer länger an ihren Smartphones sitzen. Die sogenannte JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest kam in ihrer Erhebung im vergangenen Jahr auf eine durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit der 12- bis 19-Jährigen von knapp vier Stunden täglich.  

Eine Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus dem vergangenen Frühjahr kommt für Jugendliche im Alter von 10 bis 17 an einem Wochentag auf eine durchschnittliche Nutzung sozialer Medien von etwa zweieinhalb Stunden.

Bereits im Jahr 2023 zeigte eine Studie der Pronova BKK, dass der Medienkonsum bei Minderjährigen nach Ende der Pandemie nicht zurückgegangen, sondern im Gegenteil noch weiter gestiegen war. Demnach verbrachten zum Beispiel 14- bis 17-Jährige pro Woche 15 Stunden vor dem Bildschirm. 

Mediennutzung kann Gesundheit von Kindern beeinflussen

Und dieses Verhalten wird zunehmend zu einem Problem. In der JIM-Studie berichten rund 30 Prozent der Jugendlichen, morgens oft müde zu sein, weil sie nachts noch zu lange am Handy hängen.

In einer niederländischen, im Fachjournal „Communication Research“ veröffentlichten Langzeitstudie von 2021 gaben 28 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sich ihr Wohlbefinden durch Social-Media-Nutzung verschlechtert – 26 Prozent erlebten allerdings demnach auch Verbesserungen.  

Der Psychologin Isabel Brandhorst von der Universität Tübingen zufolge ist wissenschaftlich mittlerweile gut belegt, dass eine gesteigerte Nutzung von sozialen Medien und Smartphones, aber auch eine problematische Nutzung im Sinne einer suchtartigen Nutzung mit geringerem psychischem Wohlbefinden, mehr Schlafproblemen, mehr Depressionen, mehr Essstörungen und mehr Selbstverletzungen einhergeht. Allerdings stelle sich dabei immer die Frage, ob der Medienkonsum das Wohlbefinden beeinflusst oder ob dies nicht auch umgekehrt sein kann: Wer sich schlechter fühlt, verbringt mehr Zeit am Smartphone. Bislang haben Studien hier noch keine eindeutigen Erkenntnisse gebracht.

Der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg von der Universität Paderborn weist darauf hin, dass der Zusammenhang von Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen zwar recht gut erforscht sei, aber die signifikanten Effekte eher klein und vor allem einzelne, besonders verletzliche Gruppen betroffen seien. 

Medienzeit: Je passiver die Nutzung, desto schädlicher

Einen Anhaltspunkt, ab wie vielen Stunden die Mediennutzung zu lang ist, könne man nicht so einfach geben, meinen Fachleute. „Die Studien zeigen, dass die reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz, ganz viel darum, was gemacht wird“, erklärt Experte Lindberg. 

„Als Daumenregel: Je passiver die Nutzung ist, also nur scrollen, scrollen, scrollen, desto negativer ist das.“ Unter Jugendlichen wird hierzu auch der Begriff Doomscrolling verwendet.

Gut zu wissen: Was ist Doomscrolling?

Unter Doomscrolling versteht man ein übermäßiges Lesen von (vorwiegend) schlechten Nachrichten im Internet oder speziell den sozialen Medien. „Doom“ steht dabei für Unheil, Untergang und „scrolling“ das Blättern bzw. Wischen auf dem Smartphone.

Gemeinhin verwenden insbesondere junge Menschen diesen Begriff aber auch, um zu beschreiben, wie sie oft stundenlang ziellos und passiv durch Beiträge in den sozialen Medien scrollen, ohne deren Inhalt wirklich vollständig wahrzunehmen.

Auch in der JIM-Studie stellten die Befragten mehrheitlich (68 Prozent) fest, dass sie häufig mehr Zeit am Handy verbringen als ursprünglich geplant. Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen. 

Auch Brandhorst betont, es gebe Jugendliche, die ihre eigene Nutzung reflektierten und bewusst beschränkten („Digital Detox“). Aber: „Es erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit.“

Wenn Medienkonsum zur Sucht wird

Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als abhängig. Das war ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, lag aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie.  

Man müsse definieren, wann die Schwelle zur Sucht überschritten sei, meint Lindberg. Hier gälten die gleichen Regeln wie bei anderen Süchten: „Wenn jemand süchtig ist, dann leidet er darunter, dass er es eben nicht anders kann, als er eigentlich möchte. Und dass es ihn einschränkt, zum Beispiel in seiner Arbeit, in seinen sozialen Kontakten.“

Mediennutzung als Chance zur Weiterentwicklung

Brandhorst sieht jedoch auch positive Effekte: Jugendliche könnten Identitäten erproben, Gleichgesinnte finden und sich über möglicherweise schambesetzte Themen austauschen. Lindberg betont zudem: Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeige kein problematisches Verhalten. 

„In der Debatte kann der Eindruck entstehen, als beträfe das die Mehrheit – tatsächlich zeigt der Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist eher eine Minderheit, in einer Größenordnung wie bei anderen problematischen Verhaltensweisen.“ Quelle: dpa / mg