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Was ist eigentlich der Nocebo-Effekt?

Frau sitzt auf Sofa und liest Beipackzettel
Der Nocebo-Effekt wird bei manchen Personengruppen tendenziell häufiger beobachtet. | Bild: Dusan Petkovic / AdobeStock

Nocebo bedeutet „Ich werde schaden“ und ist der böse Bruder des Placebos („Ich werde gefallen“). Der Nocebo-Effekt beschreibt also negative Wirkungen, die bei einer Behandlung wie beispielsweise einer Arzneimittelgabe auftreten, aber nicht auf der Therapie selbst, sondern auf körpereigenen Mechanismen beruhen.

Genauso wie beim Placebo-Effekt können beim Nocebo-Effekt sowohl subjektiv empfundene als auch tatsächlich messbare Änderungen der Körperfunktion auftreten.

Mechanismus hinter dem Nocebo-Effekt

Wie beim Placebo-Effekt liegen auch dem Nocebo-Effekt neurobiologische Mechanismen zugrunde: Hirnareale wie der präfrontale Kortex sind aktiv, wenn Patienten mit bestimmten Erwartungen auf eine Behandlung reagieren, egal ob positiv oder negativ. 

Der Nocebo-Effekt wird über Erwartungshaltung und Angst moderiert. Die Bedingung für seine Entstehung ist das Wissen um mögliche schädliche Auswirkungen einer Therapie. Geht man etwa davon aus, dass ein Medikament Nebenwirkungen hat, reagiert das Gehirn verstärkt auf harmlose Reize oder interpretiert normale Körperempfindungen als Anzeichen einer Verschlechterung. 

Ärzte sollten deshalb Sätze wie „Sie brauchen keine Angst zu haben“ vermeiden, da Signalworte wie „Angst“ und „Schmerz“ Reaktionen auslösen, die durch eine Verneinung nicht zu verhindern sind.

Zusätzlich befinden sich Patienten in medizinischen Situationen in einem Ausnahmezustand, in dem sie aufmerksam alles aufnehmen und auf sich beziehen, und (negative) Suggestionen besonders stark wirken.

Die Kommunikation eines Risikos kann also das Auftreten einer Nebenwirkung begünstigen und deren Intensität verstärken. In Studien aus der Schmerzmedizin galt das sowohl für Scheininterventionen als auch für aktive Behandlungen.

Häufige Symptome des Nocebo-Effekts

Die häufigsten Wirkungen des Nocebo-Effekts sind solche, die üblicherweise mit psychosomatischen Ursachen in Verbindung gebracht werden. Gängige subjektive Symptome sind Übelkeit, Kopfschmerzen, oder Erschöpfung.  

Daneben sind allerdings auch objektive Symptome diagnostizierbar. Dies sind vor allem Hauttrockenheit oder Ausschläge, erhöhter Blutdruck, beschleunigte Atmung und erhöhte Herzfrequenz. Die Krankheitserscheinungen können leicht und vorübergehend sein, aber auch chronisch werden.  

Neben den direkten Symptomen ergibt sich das Problem der verringerten Therapie-Adhärenz: Patienten, die durch den Nocebo-Effekt verstärkt Nebenwirkungen einer Behandlung verspüren, neigen zum Abbruch oder zum weniger konsequenten Einhalten der Therapievorgaben.

Nocebo-Effekt: Häufigkeit und betroffene Personengruppen

Wie das „Netzwerk evidenzbasierte Medizin“ berichtet, zeigen große, randomisiert-kontrollierte Arzneimittelstudien, dass der Nocebo-Effekt zwischen 40 und 100 Prozent der unerwünschten Ereignisse in Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten ausmachen kann.

So seien Muskelschmerzen als unerwünschtes Ereignis durch die Einnahme von Statinen in der Gruppe, die das richtige Medikament erhielten, genauso häufig aufgetreten wie in der Gruppe, die lediglich ein Placebo erhielten, und in einer Parkinson-Studie sei bei 56 Prozent der Teilnehmer eine Nocebo-Response festgestellt worden.

Der Nocebo-Effekt wird bei manchen Personengruppen tendenziell häufiger beobachtet:

  • Menschen, die empfänglich für suggestiv übermittelte Informationen sind (hier wirkt allerdings auch der Placebo-Effekt stark)
  • Menschen mit eher ängstlichem, unsicherem oder pessimistischem Charakter
  • Frauen (bei Männern wirkt tendenziell der Placebo-Effekt stärker)
  • ältere Menschen (wahrscheinlich wegen größerer Risikofaktoren wie Ängsten, Depressionen, chronischen Erkrankungen und mehr Erfahrungen mit Arzneimittelnebenwirkungen wegen der längeren Lebenszeit)

Optimistische Personen gelten als weniger anfällig für den Nocebo-Effekt. Für sie ist es weniger „gefährlich“, sich intensiv mit den Nebenwirkungen einer Behandlung auseinanderzusetzen.

Für die oben genannten Personengruppen kann es dagegen sinnvoll sein, den Arzt nur nach den relevantesten Nebenwirkungen zu fragen und keine intensive Recherche in den Medien zu betreiben.

Bedeutung des Nocebo-Effekts für PTA

In erster Linie sind behandelnde Ärzte aufgerufen, den Nocebo-Effekt bei der Aufklärung von Patienten einzukalkulieren und Risiken neutral zu formulieren, die Heilungsaussichten hervorzuheben und Begriffe wie „Angst“ und „Schmerzen“ nicht unbedacht zu verwenden.

Doch auch PTA können im Gespräch mit Apothekenkunden helfen, den Nocebo-Effekt zu vermeiden oder zu vermindern und somit positiven Einfluss auf die Genesung nehmen. 

So können beispielsweise numerische Häufigkeitsangaben von Nebenwirkungen verwendet werden, etwa „Eine von zehn Personen verspürt Übelkeit“ statt Formulierungen wie „Eine häufige Nebenwirkung ist Übelkeit“, die bekanntermaßen zu Fehleinschätzungen führen. 

Darüber hinaus sollten Möglichkeiten für positive Formulierungen genutzt werden, wie „Bei 90 Prozent der Patienten treten keine gastrointestinalen Nebenwirkungen auf, (nur) zehn Prozent verspüren Übelkeit“. 

Ebenso wichtig ist es, den Nutzen eines Arzneimittels hinreichend zu erklären und zu erläutern, warum dieser größer als der Schaden durch etwaige Nebenwirkungen ist.

Zudem kann die Aufklärung über den Nocebo-Effekt selbst bereits zu einer Reduktion desselben beitragen. Nicht zuletzt kann es sinnvoll sein, vor negativen Medienberichten zu warnen, um eine negative Erwartungshaltung durch Social Media, Fernsehen oder andere Medien möglichst gering zu halten. Quellen:
- https://journal.kvhh.net/11-2023/der-nocebo-effekt-bedeutung-fur-den-klinischen-alltag
- https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/nocebo-als-unterschaetztes-phaenomen-die-kehrseite-des-placebo-effekts/
- https://www.aerzteblatt.de/archiv/nocebo-effekt-von-der-macht-der-worte-02021cad-a139-4d5b-a8e8-18398786fa37
- https://flexikon.doccheck.com/de/Nocebo-Effekt
- https://de.wikipedia.org/wiki/Nocebo-Effekt
 

Der Nocebo-Effekt auf einen Blick:

  • Der Nocebo-Effekt führt durch eine negative Erwartungshaltung zu einer Krankheitsverschlechterung oder zu Nebenwirkungen.
  • Das Gehirn reagiert verstärkt auf harmlose Reize oder interpretiert normale Körperempfindungen als Anzeichen einer Verschlechterung.  
  • Die verbale Kommunikation von negativen Wirkungen, meist durch den Arzt, kann den Nocebo-Effekt hervorrufen oder verstärken.
  • Typische subjektive Symptome sind Übelkeit, Kopfschmerzen oder Erschöpfung. Objektiv werden häufig Hauttrockenheit oder Ausschläge, erhöhter Blutdruck, beschleunigte Atmung und erhöhte Herzfrequenz diagnostiziert.
  • Der Nocebo-Effekt ist für einen großen Teil der unerwünschten Arzneimittelwirkungen verantwortlich.
  • Betroffen sind tendenziell Menschen, die empfänglich für Suggestion oder vom Typ her eher ängstlich sind, Frauen und Ältere.  
  • Ärzte und Apothekenpersonal können durch eine sensible Kommunikation und positive Formulierungen den Nocebo-Effekt verringern.