„Nervöser Darm“

Was verbirgt sich hinter dem Reizdarmsyndrom?

Bild: ag visuell/stock.adobe.com

Ungefähr 10–20 % der Bevölkerung in Europa und den USA sind betroffen, in Deutschland klagen über 8 Millionen Menschen über Beschwerden, die dem Reizdarmsyndrom (kurz RDS) zugerechnet werden können. Die Erkrankung trifft alle Altersklassen, besonders häufig jedoch Frauen zwischen dem 35. und dem 50. Lebensjahr. Obwohl es sich beim Reizdarmsyndrom nicht um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelt, ist die Lebensqualität der Betroffenen nicht selten deutlich eingeschränkt.

Wie äußert sich das RDS?

Das Reizdarmsyndrom stellt kein einheitliches Krankheitsbild dar. Typisch sind wiederholt auftretende krampfartige Bauchschmerzen, die von Blähungen begleitet sein können, sowie ein verändertes Stuhlverhalten. Häufig kommt es zu Durchfällen, seltener zu Verstopfung – in einigen Fällen wechseln sich beide Anomalitäten ab. Zusätzlich zu den Darmbeschwerden kann es auch zu Müdigkeit, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und depressiver Verstimmung kommen. Die Beschwerden können mal heftiger und mal weniger stark auftreten. Dazwischen kann es auch beschwerdefreie Tage geben, an denen sich die Betroffenen wohl fühlen.

Die Beeinträchtigung der Lebensqualität hängt von Stärke und Häufigkeit der Beschwerden ab. Nehmen die Beschwerden an Heftigkeit zu, können sie für die Betroffenen sehr belastend werden. Häufig ziehen sie sich dann aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, meiden z. B. gemeinschaftliches Essen im Restaurant oder längere Ausflüge. Dieser Rückzug kann zu Niedergeschlagenheit und depressiven Symptomen führen. Oft spielt auch die Angst, hinter den Beschwerden könne sich eine schwere organische Erkrankung wie z .B Darmkrebs verbergen, eine Rolle.

Welche Ursachen kommen in Frage?

Die Ursachen eines Reizdarmsyndroms sind noch nicht eindeutig geklärt. Man geht davon aus, dass mehrere Faktoren an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind. So kann bei Betroffenen sowohl eine Überaktivität des Darm-Nervensystems als auch eine veränderte Zusammensetzung des Darmmikrobioms festgestellt werden. Verschiedene Lebensmittel, Infekte und Stress können die Beschwerden auslösen oder verschlimmern. Auch eine genetische Vorbelastung wird diskutiert.

Wie kann RDS diagnostiziert werden?

Bis die Diagnose „Reizdarm“ gestellt wird, ist es ein langer Weg. Betroffene fühlen sich mit ihren Beschwerden oft nicht ernst genommen und als „Simulanten“ abgestempelt. Im ersten Schritt müssen organische Erkrankungen des Magen-Darm-Systems wie z. B. Morbus Crohn, Tumorerkrankungen oder auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgeschlossen werden. Dazu wird der Arzt unter anderem eine ausführliche Anamnese erheben, Blutwerte bestimmen und eine Darmspiegelung durchführen. Es handelt sich bei RDS jedoch nicht um eine reine Ausschlussdiagnose: anhand der Rom-Kriterien kann die Erkrankung auch positiv diagnostiziert werden. Nach diesen Kriterien wird das Reizdarmsyndrom folgendermaßen definiert:

Rom-Kriterien

  • Die Bauchschmerzen treten wiederkehrend mindestens einmal pro Woche auf.
  • Sie bestehen bereits seit mindestens drei Monaten.
  • Die Stärke der Beschwerden steht in Zusammenhang mit dem Stuhlgang.
  • Häufigkeit und/oder Konsistenz des Stuhlgangs sind verändert.

Achtung, FODMAPs!

Bestimmte Nahrungsmittel können die typischen RDS-Symptome auslösen. Dabei sind in den letzten Jahren vor allem die sogenannten FODMAPS in den Fokus geraten. FODMAP steht für Fermentierende Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole. Gemeint sind damit also bestimmte Zuckerarten, die aufgrund des veränderten Darmmikrobioms bei RDS-Patienten im Dünndarm nicht ausreichend abgebaut werden und deshalb im Dickdarm von Bakterien verstoffwechselt werden. Dies kann zu den typischen Beschwerden führen. Zu den FODMAPs zählen z. B. Lactose, Fructose und Sorbitol. Neben diesen Zuckern stehen auch gluten- und histaminhaltige Lebensmittel im Verdacht, RDS-Symptome auszulösen oder zu verschlimmern. Auch Ballaststoffe werden nicht von allen Erkrankten gleich gut vertragen – obwohl diese als wichtige Säule einer gesunden Ernährung gelten.

Die Situation ist individuell

Nicht bei jedem RDS-Patienten lösen dieselben Nahrungsmittel auch dieselben Beschwerden aus. Um herauszufinden, welche Nahrungsmittel im individuellen Fall in welchem Umfang die Beschwerden beeinflussen, kann unter ärztlicher Begleitung zunächst ein Auslasstest durchgeführt werden. Bessern sich unter dem Auslassversuch die Symptome, können im nächsten Schritt vorsichtig individuelle Toleranzbereiche für die jeweiligen Lebensmittel herausgefunden werden. Blähungstreibende Nahrungsmittel wie z. B. Bohnen oder verschiedene Kohlarten sind in den meisten Fällen problematisch und sollten allenfalls in geringen Mengen verzehrt werden. Auch Kaffee und scharfe Gewürze werden von den meisten RDS-Patienten nicht gut vertragen.

Symptomatische Behandlung

Eine ursächliche Therapie des Reizdarmsyndroms ist bislang nicht möglich. Neben der Vermeidung verschiedener Triggerfaktoren stehen jedoch verschiedene Medikamente zur Verfügung, um die auftretenden Symptome zu lindern. Präparate mit Pfefferminzöl (z. B. Buscomint®) oder N-Butyl-Scopolaminbromid (Buscopan®) wirken krampflösend und helfen damit gut gegen die Bauchschmerzen. Zur Bekämpfung der Blähungen kann Fenchel-Anis-Kümmeltee getrunken werden oder Wirkstoffe wie Dimeticon und Simeticon eingenommen werden. Geht die Erkrankung mit Verstopfung einher, können Flohsamenschalen eingesetzt werden, steht Durchfall im Vordergrund, so bietet Loperamid schnelle Abhilfe. Zum Schutz und Aufbau der Darmschleimhaut bieten sich speziell abgestimmte Probiotika wie z. B. Innovall® RDS oder Präparate mit Xylooligosacchariden, Xyloglucan, Erbsenprotein und Traubenkernextrakt (Gelsectan®) an. Die Therapie sollte in jedem Fall in Absprache mit dem behandelnden Arzt stattfinden. In besonders schweren Fällen hat dieser auch die Möglichkeit, über die Verordnung von Antidepressiva das Darm-Nervensystem beruhigend zu beeinflussen. Auch verschiedene psychotherapeutische Maßnahmen zur Stressbewältigung können hilfreich sein. Als ein mögliches Beispiel sei hier die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson genannt.