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Was ist eigentlich das Alpha-Gal-Syndrom?

Frau kratzt sich juckenden Arm
Juckender Ausschlag und Übelkeit zählen zu den Symptomen einer Fleischallergie. | Bild: Andrey Popov / AdobeStock

Das Alpha-Gal-Syndrom wird durch den Stich bestimmter Zecken verursacht. In Nordamerika, wo die Erkrankung am häufigsten vorkommt, ist die Lone-Star-Zecke (Amblyomma americanum) verantwortlich, in Europa meist der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus).

Der Zeckenstich ruft durch Übertragung des Kohlenhydrats Galactose-α-1,3-Galactose, kurz Alpha-Gal, von zuvor gestochenen Säugetieren auf den Menschen eine Sensibilisierungsreaktion hervor.

Das menschliche Immunsystem erkennt Alpha-Gal als Fremdkörper und produziert Antikörper, die meist zwei bis sechs Stunden nach Fleischkonsum eine allergische Reaktion mit diversen Symptomen bis hin zur Anaphylaxie auslösen können.

Gut zu wissen: Eine Allergie, viele Namen

Das Alpha-Gal-Syndrom wird auch Säugetierfleischallergie oder einfach Fleischallergie genannt – beziehungsweise, wegen des verzögerten Einsetzens der Symptome, „Fleischallergie vom verzögerten Typ“.

Aufgrund des Übertragungsweges ist auch der Begriff „Zeckenstich-Fleischallergie“ gebräuchlich.

Entstehung einer Fleischallergie

Sowohl Larven, die wegen ihrer geringen Größe und ihrer nur sechs statt acht Beine im Allgemeinen nicht als Zecken erkannt werden, als auch ausgewachsene Zecken können eine Sensibilisierung gegenüber Alpha-Gal verursachen. Oft wird berichtet, dass die wahrscheinlich verantwortlichen Stiche länger als eine Woche lang juckten.

Allergieauslöser können in der Folge Fleisch, Innereien und Wurstwaren von Säugetieren wie Schwein, Rind oder Lamm und manchmal auch Milchprodukte oder Süßigkeiten aus Gelatine sein.

Übereinstimmend werden allergische Reaktionen eher nach dem Verzehr von fetthaltigem als von magerem Fleisch beschrieben. In Geflügelfleisch oder Fisch ist in der Regel kein Alpha-Gal enthalten.

Symptome des Alpha-Gal-Syndroms

Das Alpha-Gal-Syndrom unterscheidet sich von anderen Nahrungsmittelallergien durch seinen verzögerten Symptombeginn nach einigen Stunden. Erfolgt der Verzehr der auslösenden Lebensmittel beispielsweise beim Abendessen, so treten die allergischen Reaktionen erst im Laufe der Nacht auf.  

Die Symptome einer Fleischallergie reichen von Hautreaktionen wie Quaddeln oder Juckreiz über Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Atemnot und Schwindel bis hin zum Kreislaufkollaps.  

Es reagieren jedoch nicht alle Menschen gleich, und die Reaktionen einer Person fallen auch nicht nach jedem Fleischverzehr gleich stark aus; oft sind gar keine Symptome erkennbar. Die Gründe für diese Unterschiede sind bisher noch nicht erforscht.

Erster Todesfall durch das Alpha-Gal-Syndrom

Im Sommer 2024 wurde ein US-Amerikaner mehrere Stunden nach dem Konsum eines Hamburgers bewusstlos aufgefunden und konnte nicht mehr gerettet werden. 

Die Familie berichtete, dass er bereits zwei Wochen zuvor bei einem Campingtrip nach dem Verzehr eines Rindersteaks an starken Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen gelitten hatte.  

Auf Bitten der Ehefrau wurde der Fall näher untersucht und schließlich im Blut des Verstorbenen eine erhöhte Konzentration von Antikörpern gegen Alpha-Gal gefunden. Des Weiteren zeigte das Serum Werte, die den höchsten Konzentrationen in Serumproben von Fällen tödlicher Anaphylaxie entsprachen.  

Die Frau erinnerte sich daran, dass ihr Mann im Sommer zahlreiche Zeckenlarvenstiche an seinem Knöchel gefunden hatte. Damit war die Post-mortem-Diagnose des Alpha-Gal-Syndroms gesichert und der erste Todesfall durch eine Fleischallergie dokumentiert.

Alpha-Gal findet sich auch in Arzneimitteln

Wenn Patienten an einer schweren Form der Alpha-Gal-Allergie leiden, können auch Wirk- und Hilfsstoffe zum Problem werden, die tierischen Ursprungs sind. Hierzu zählen etwa:

  • Gelatine: Während Kapselhüllen von den meisten Alpha-Gal-Allergikern vertragen werden, besteht bei parenteraler Verabreichung (z. B. in Volumenersatzmitteln) ein größeres Risiko einer allergischen Reaktion. Auch einige Impfstoffe enthalten Gelatine als Hilfsstoff.
  • Heparin und Pepsin (Gewinnung aus Schweinedarm)
  • Antivenine gegen Schlangen- und Skorpiongifte
  • Cetuximab: Der in murinen Zellen hergestellte Antikörper weist Alpha-Gal-Glykosylierungsstellen auf. Für andere Antikörper ist dies bislang nicht bekannt.

Häufigkeit und Therapie der Fleischallergie

Die Häufigkeit einer Fleischallergie im Verbreitungsgebiet der Lone-Star-Zecke wird recht unterschiedlich angegeben. Die verschiedenen Quellen berichten jedoch von jeweils mehreren Zehntausend Verdachtsfällen beziehungsweise positiven Alpha-Gal-Antikörpertests innerhalb weniger Jahre.

In Dänemark und Spanien wurden laut einer Studie Prävalenzen von 5,5 beziehungsweise 8,1 Prozent der Bevölkerung festgestellt. Aus Deutschland finden sich Fallberichte in der wissenschaftlichen LiteraturCaponetto P et al. Gelatin-containing sweets can elicit anaphylaxis in a patient with sensitization to galactose-α-1,3-galactose. J Allergy Clin Immunol Pract. 2013;1(3):302-3. doi: 10.1016/j.jaip.2013.01.007.

Fischer J et al. Galactose-alpha-1,3-galactose sensitization is a prerequisite for pork-kidney allergy and cofactor-related mammalian meat anaphylaxis. J Allergy Clin Immunol. 2014;134(3):755-759.e1.
 
. Die Stiftung „European Centre for Allergy Research Foundation“ gibt an, dass ihr 100 Fälle aus Deutschland bekannt seien. Eine Häufung gebe es dabei in Süddeutschland sowie bei Waldarbeiternhttps://www.ecarf.org/vom-zeckenbiss-zum-steak-schock/ .

Die Behandlung erfolgt symptomatisch: Antihistaminika werden bei Juckreiz eingesetzt, Kortikosteroide zur Linderung von Haut- und Schleimhautschwellungen. Gegen einen anaphylaktischen Schock wird Adrenalin injiziert.

Betroffene sollten im Rahmen einer allergologischen Beratung über die möglichen Auslöser aufgeklärt werden und Empfehlungen zur Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel erhalten. Tierische Produkte ohne Alpha-Gal sind beispielsweise Geflügelfleisch, Fisch oder Meeresfrüchte. Quellen:
https://www.aerzteblatt.de/news/fleischallergie-erster-bestatigter-todesfall-des-alpha-gal-syndroms-berichtet-9f2f5ce6-325c-4296-86d5-a28986df0cac
https://flexikon.doccheck.com/de/Alpha-Gal-Syndrom
https://de.wikipedia.org/wiki/Alpha-Gal-Syndrom
 

Das Alpha-Gal-Syndrom in Kürze

Krankheitstyp: Nahrungsmittelallergie

Ursache: Stiche von Zecken oder Zeckenlarven, die zuvor Säugetierblut getrunken haben

Symptome: nach dem Verzehr von Säugetierfleisch Hautreaktionen, gastrointestinale Beschwerden, Atemnot, Schwindel, Kreislaufkollaps

Therapie: symptomatisch gegen Allegiereaktionen; Umstellung der Ernährung weg von Alpha-Gal-haltigem Fleisch und ggf. von Milchprodukten