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Wie schädlich sind hochverarbeitete Lebensmittel für Kinder?

Limos in bunten Flaschen, Wurst oder Chips in Tierform und gesüßter Joghurt mit beliebten Filmmotiven – in den Supermarktregalen gibt es viele Fertigprodukte, die besonders für Kinder und Jugendliche verlockend wirken. Doch oft sind diese auch besonders ungesund.
Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel gelten als Dickmacher und werden mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht. Welche Folgen könnte das für Kinder haben, wenn diese schon früh im Leben regelmäßig zum Fertigsnack greifen? Fachleute geben Antworten.
Frische Lebensmittel werden zunehmend von hochverarbeiteten ersetzt
Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel sind industriell hergestellte Produkte, die häufig viel Zucker, viel Salz, gehärtete Fette, industrielle Stärken und zahlreiche Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Farbstoffe oder Aromastoffen enthalten. Meist sind sie verzehrfertig oder müssen nur noch aufgewärmt werden.
Gut zu wissen: Die NOVA-Klassifikation
Die NOVA-Klassifikation unterteilt Lebensmittel nach dem Grad ihrer Verarbeitung. Es gibt vier Kategorien:
- unverarbeitete (frische) bis gering verarbeitete Lebensmittel: Das sind natürliche Lebensmittel, die nur gereinigt, getrocknet, pasteurisiert oder eingefroren wurden. Dazu zählen also Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Milch, unverarbeitetes Fleisch oder Fisch.
- verarbeitete Zutaten wie Zucker, Öl oder Salz
- verarbeitete Lebensmittel: Diese Produkte wurden z. B. gekocht, gebacken oder fermentiert. In diese Gruppe fallen Käse, Brot, Nudeln, aber auch Gemüse in Konserven
- hochverarbeitete Lebensmittel haben mehrere Verarbeitungsschritte durchlaufen.
Nach dieser Einteilung sollten für eine gesunde Ernährung möglichst wenig Lebensmittel der Kategorie 3 und 4 gewählt werden. Es gilt: Je weniger verarbeitet, je frischer und natürlicher ein Lebensmittel ist, desto gesünder ist es auch.
Insbesondere dieser Aspekt steht zunehmend in der Kritik. Denn die NOVA-Klassifikation bezieht sich rein auf der Verarbeitung eines Lebensmittels und ignoriert dessen Nährwerte. Hafermilch fällt demnach in die Gruppe 4, ist aber als Alternative zu Kuhmilch und in ihrer Zusammensetzung ernährungsphysiologisch durchaus relevant. /mg
Bedacht werden sollte laut Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, vor allem folgender Aspekt: „Wir essen diese Produkte ja nicht on top, sondern diese ersetzen unsere traditionellen Lebensmittel – und im Normalfall sind das eben das frische Obst und Gemüse, die Vollkornprodukte.“
Sprich: Statt Haferflocken mit frischem Apfel gibt es Frühstückszerealien, statt Vollkornbrot weißen Toast, statt eines frisch gekochten Mittagessens Tiefkühlpizza.
Zusatzstoffe und Aromen verlocken zum Übermaß
Das Hauptproblem ist aus Sicht des Berliner Kinder- und Jugendmediziners Frank Jochum vom Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, dass diese Lebensmittel eine hohe Energiedichte haben und Zusatzstoffe und Aromen diese gleichzeitig sehr schmackhaft machen. «Da passiert es eben schnell, dass man mehr isst, als man Hunger hat.»
Dazu trägt nach Angaben von Graf bei, dass viele dieser Lebensmittel einfach zu verzehren sind und nicht lange gekaut werden müssen, so dass man innerhalb kurzer Zeit viele Kalorien zu sich nimmt.
Übergewicht und chronische Erkrankungen durch hochverarbeitete Lebensmittel
Wer regelmäßig zu viele dieser Lebensmittel isst, kann schnell zu viele Kalorien aufnehmen und damit übergewichtig werden. Jeder vierte junge Mensch zwischen 5 und 19 Jahren in Deutschland ist laut dem Kinderhilfswerk Unicef übergewichtig, 8 Prozent gelten sogar als adipös. Es sieht die „allgegenwärtige Präsenz und Vermarktung stark verarbeiteter Lebensmittel“ als einen der Gründe für die global gestiegene Zahl fettleibiger Kinder an.
Übergewicht wiederum erhöht das Risiko für chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Arthrose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Im Kindesalter ist dies noch bedeutender, betont der Experte der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. „Denn bei den Kindern kommt im Vergleich zu den Erwachsenen eine weitere Komponente hinzu, nämlich die Beeinträchtigung von Wachstum und Entwicklung.“
Welche Folgen hat das für die kindliche Entwicklung?
Wer Übergewicht hat, bewegt sich in der Regel weniger. Bei Kindern werde dadurch die motorische und neurologische Entwicklung weniger angeregt, auch die intellektuelle und die psychische Entwicklung könne leiden, so Jochum. „Das hat Auswirkungen auf das gesamte zukünftige Leben.“
Kinder, die sich weniger bewegen, verbringen ihm zufolge mehr Zeit am Computer und Smartphone, was wiederum negative Folgen hat. „Sie vereinzeln vielleicht, haben einen höheren Hang zu Depressionen.“
Snacks und Fertiggerichte führten außerdem zu einem anderen Miteinander zu Hause, sagt er. „Die Zeiten, in denen in Familien wirklich gekocht und gemeinsam gegessen wird, werden seltener.“ Außerdem seien die Mahlzeiten so beschaffen, dass man diese mühelos neben dem Computerspielen oder Fernsehgucken essen könne.
Verhaltensauffälligkeiten dank hochverarbeiteter Lebensmittel?
Eine kanadische Studie sieht jedenfalls Hinweise darauf, dass der Verzehr von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der frühen Kindheit die Verhaltens- und emotionale Entwicklung negativ beeinflussen kann. Dafür untersuchten die Forschenden die Ernährungsgewohnheiten von fast 2.100 Kindern im Alter von drei Jahren und deren Verhalten im Alter von fünf Jahren.
Dabei zeigte sich, dass kleine Kinder, die mehr hochverarbeitete Lebensmittel aßen, später vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Die Fachleute folgern daraus, dass eine gesündere Ernährung sich langfristig vorteilhaft auf die psychische Gesundheit auswirken könnte.
Allerdings bezieht die Studie keine weiteren Faktoren wie Genetik mit ein oder, ob die Eltern selbst an psychischen Störungen litten. Denn etwa bei Eltern mit ADHS sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Alltag zu Hause unstrukturierter und weniger geplant ablaufe, wodurch mehr Fertiggerichte auf den Tisch kommen könnten, erläutert Christine M. Freitag von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Zugleich hätten die Kinder selbst ein höheres ADHS-Risiko. „Betroffene Kinder essen oft schlechter.“ Auch Eltern mit Depressionen hätten Probleme, den Alltag zu bewältigen und ihren Kindern ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten.
Hochverarbeitete Lebensmittel: Weitere Studien zum Einfluss auf Gesundheit nötig
Dass hochverarbeitete Lebensmittel, die viel Salz, Zucker, Fette und Zusatzstoffe enthalten, ungesund sind, darin sind sich viele Fachleute einig. Doch welche Krankheiten diese genau begünstigen können, ist noch unklar.
Dazu müsse man mehr Interventionsstudien machen, bei denen zum Beispiel eine Gruppe von Testpersonen gezielt eine bestimmte Menge hochverarbeitete Lebensmittel über einen festgelegten Zeitraum bekomme, sagt sie. Danach müssten Parameter wie Blutdruck, Körpergewicht, Blut- und Urinproben mit denen einer Kontrollgruppe verglichen werden, die in dieser Zeit keine hochverarbeiteten Lebensmittel zu essen bekomme.
Nach Ansicht von Jochum sollte sich die Forschung zudem mehr auf das gesamte Lebensmittel konzentrieren als auf die einzelnen Inhaltsstoffe. „Es spielt nicht nur eine Rolle, wie viele Aminosäuren oder Proteine es zum Beispiel enthält. Man muss auch die Wechselwirkungen der Inhaltsstoffe genauer betrachten, welche Auswirkungen etwa Aromastoffe auf die Verzehrmenge haben und wie die Textur dazu beiträgt.“ Quellen:
dpa / mg
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2845768