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Was ist eigentlich Misophonie?

Kind sitzt auf einem Stuhl in der Schule und hält sich die Ohren zu
Misophonie kommt häufig bei Kindern zwischen acht und 13 Jahren vor. | Bild: Antonio_Diaz / iStock

Freitagmittag: Die Familie sitzt am Tisch, isst gemeinsam und unterhält sich über die Erlebnisse der Woche. Keiner schmatzt, niemand spricht übermäßig laut, von draußen dringen weder Verkehrsgeräusche noch Sirenengeheul herein.

Und trotzdem leidet der elfjährige Sohn unter der Geräuschkulisse. Wenn die Schwester kaut, erfasst ihn Ekel, das bloße Atmen der Mutter lässt ihn wütende Blicke aussenden, und wenn dann auch noch der Vater nach einem großen Schluck Wasser wohlig „Ah“ sagt, steigert sich seine Wut zu unerklärlichem Hass.  

Unerklärlich? Keineswegs. Denn wenn ganz normale Alltagsgeräusche einen Menschen derart aus der Fassung bringen, leidet er wahrscheinlich unter Misophonie.

Misophonie: Abgrenzung zu anderen geräuschbezogenen Störungen

Die Misophonie unterscheidet sich von anderen geräuschbezogenen psychischen Störungen wie der Phonophobie (Geräuschangst) vor allem dadurch, dass sie unabhängig von der Lautstärke auftritt und keine Angst oder Überempfindlichkeitsreaktionen auslöst, sondern eben Wut.  

Das Problem: Die Störung ist selbst bei Medizinern weitgehend unbekannt – auch weil sie bisher in keinem Klassifikationssystem als eigenständige Erkrankung geführt wird. Deshalb wird sie oft bagatellisiert oder falsch behandelt. 

Entstehung der Misophonie

Misophonie ist auch als selektive Geräuschintoleranz bekannt, was das Erscheinungsbild der Störung gut beschreibt. Es sind nämlich ganz bestimmte Geräusche, die Wut, Irritation, Frustration, Ekel oder gar Hass auslösen.  

Misophonie kann in jedem Alter entstehen, macht sich aber besonders oft zwischen dem achten und 13. Lebensjahr erstmals bemerkbar.  

Dabei fangen die negativen Emotionen mit einzelnen Geräuschen an und sind oft sogar an bestimmte Personen gekoppelt. Später findet dann meist eine Ausweitung auf andere Geräusche und Mitmenschen statt.

Besonders oft lösen Geräusche rund um das Essen – beispielsweise Kauen, Schlucken, Klimpern von Besteck, Atmen beim Trinken – die typische Wut aus. Manchmal sind es Geräusche, die vielleicht auch andere Menschen in geringem Maße als störend empfinden, wie Hundegebell, das Quetschen einer Plastikflasche oder Türenknallen.  

Genauso oft entwickeln sich aber „normale“ Geräusche zu Triggern, die dem Umfeld nicht als störend auffallen. Dazu zählen:

  • Küssen
  • Flüstern
  • Seitenumblättern beim Lesen
  • bestimmte Worte
  • Gehgeräusche mit Flip-Flops
  • Toilettenspülung
  • Schreibgeräusche

Mitunter wird die Misophonie auch durch visuelle Reize wie Kieferbewegungen oder Fußwippen beziehungsweise durch taktile Trigger wie das Berühren von Textilien oder Papier ausgelöst oder verstärkt.  

Gut zu wissen: Der Begriff „Misophonie“

Der Begriff „Misophonie“ wurde Anfang des 21. Jahrhunderts von den US-Neurowissenschaftlern Pawel und Margaret Jastreboff geprägt.

Ein häufig verwendetes Synonym ist „selective sound sensitivity syndrome“, zu Deutsch etwa „Selektives Geräuschempfindlichkeits-Syndrom“ oder kurz selektive Geräuschempfindlichkeit.  

Obwohl diese Bezeichnung als die wissenschaftlich exaktere der beiden erscheint, setzte sich „Misophonie“ in Wissenschaft und Forschung durch.

Symptome und Ursache der Misophonie

Häufig treten als Reaktion auf die aggressiven Gefühle körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schweißausbrüche, Übelkeit oder gar Schmerzen auf.  

Auf der emotionalen Ebene kommt es zu Stress und einer starken Nervosität. Die Trigger beanspruchen die volle Aufmerksamkeit der Betroffenen und lassen diese an nichts anderes mehr denken.

Um die unangenehmen Gefühle und etwaige körperliche Auswirkungen zu vermeiden, versuchen Misophoniker, die auslösenden Situationen zu vermeiden, was zu sozialer Isolation führen kann. Manche Patienten haben seit langer Zeit nicht mehr mit ihrer Familie gegessen.

Die Ursache der Misophonie ist nicht abschließend geklärt, vermutet wird aber eine klassische Konditionierung, in der sich ein bestimmtes Geräusch und eine Körperanspannung miteinander verbinden: Das Geräusch erzeugt einen Muskelreflex, den der Betroffene nicht bewusst wahrnimmt, der aber vom Gehirn als Angriff von außen (fehl-)interpretiert wird und Wut auslöst.  

Letztendlich kann jedes beliebige sich wiederholende Geräusch zu einem Trigger werden, wenn es unter Anspannung wahrgenommen wird.

Misophonie: Warum die Diagnose oft schwierig ist

Da Misophonie in medizinischen und psychologischen Kreisen noch nicht besonders intensiv diskutiert wird, sind zahlreiche Fehldiagnosen möglich:  

Auch mit Hyperakusis, der krankhaften Überempfindlichkeit gegen (objektiv nicht zu lauten) Schall, darf die Misophonie keinesfalls verwechselt werden.  

Bei der Diagnose wird darauf geachtet, wie die Menschen auf bestimmte Geräusche ansprechen: Empfinden sie Angst, liegt der Verdacht auf eine Phonophobie nahe. Wenn sie wütend werden und die oben geschilderten körperlichen Symptome erkennbar sind, handelt es sich um eine Misophonie, die verschieden stark ausgeprägt sein kann.

Von einem pathologischen Zustand ist dann zu sprechen, wenn das Leben umfassend umgestaltet wird, um etwaigen unangenehmen Situationen und Geräuschen nicht ausgeliefert sein zu müssen. Berufliche Schwierigkeiten, Beziehungsprobleme und sozialer Rückzug deuten auf eine solche starke Ausprägung der Störung hin.

Ärzte und Psychologen sollten sich beim Verdacht auf Misophonie besonders offen für die Einschätzungen und Schilderungen des Patienten zeigen und sich entsprechend weiterbilden, um die besten Maßnahmen ergreifen zu können.

Kognitive Verhaltenstherapie verbessert Misophonie

Oft wird Misophonie durch Unkenntnis wie eine Angst- oder Zwangsstörung mit Expositionsverfahren behandelt, das heißt man setzt den Patienten den Triggergeräuschen bewusst aus.  

Das führt jedoch bei Misophonie zum gegenteiligen Effekt: Triggerreaktionen werden dauerhaft verstärkt und jedes sich wiederholende Geräusch kann sich, wenn es während eines Triggers gehört wird, zu einem weiteren Trigger entwickeln.

Die Therapie sollte deshalb immer darauf abzielen, die Konditionierungen aufzulösen. Dazu bietet sich eine kognitive Verhaltenstherapie an. Im Rahmen der Therapie wird versucht, die Verknüpfung von Reiz beziehungsweise Geräusch und negativer Emotion zu durchbrechen.  

Der Patient wird mit den bisher als unangenehm empfundenen Geräuschen in einem neuen – mit positiven Assoziationen verbundenen – Zusammenhang konfrontiert. Dadurch sollen die negativen Reaktionen durch positive ersetzt werden.

Alternative und ergänzende Therapien für Misophonie

Weitere Therapieformen, deren Erfolgsaussichten allerdings bisher nur unzureichend durch Studien belegt wurden, sind:

  • Neural-Repatterning-Technik: Das Setzen sehr geringer Trigger während maximaler Entspannung, bis der körperliche Reflex auf den Trigger keine negativen Gefühle mehr erzeugt.
  • Tinnitus-Retraining-Therapie: Desensibilisierung des konditionierten Reflexes durch Hörgeräte, die angenehme Geräusche abspielen, in Kombination mit Beratung.
  • Progressive Muskelentspannung: Dabei werden auch die am körperlichen Reflex beteiligten Muskeln entspannt und lösen weniger negative Gefühle aus.
  • Weitere körperbasierte Techniken wie myofasziales Muskelzittern, das den Körper – und damit auch die am Reflex beteiligten Muskeln – durch aktives Zittern entspannt

Die Therapien verbessern im Allgemeinen die Lebensqualität von Misophonikern, indem sie die Symptome lindern und damit auch das Sozialleben der Betroffenen verbessern. Voraussetzung für einen positiven Verlauf ist eine frühzeitige Behandlung. Diese sollte erfolgen, bevor sich weitere psychische Erkrankungen manifestieren. Quellen:
- https://misophonie.de
- https://de.wikipedia.org/wiki/Misophonie
- https://medlexi.de/Misophonie
 

Misophonie auf einen Blick:

  • Krankheitsbild: verminderte Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen, unabhängig von der Lautstärke
  • Ursache: vermutlich Konditionierung
  • Symptome: negative Gefühle wie Irritation, Wut, Frustration, Ekel oder Hass; eventuell körperliche Folgeerscheinungen wie Herzklopfen, Schweißausbrüche, Übelkeit oder Schmerzen
  • Therapie: kognitive Verhaltenstherapie, Neural-Repatterning-Technik, Tinnitus-Retraining-Therapie, progressive Muskelentspannung und weitere körperbasierte Techniken
  • Prognose: bei frühzeitiger Behandlung häufig deutliche Verbesserung der Symptome und Rückgewinnung von Lebensqualität