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Mangelernährung im Alter erkennen

Eine Mangelernährung stellt ein zentrales Ernährungsproblem bei älteren Menschen dar. Häufig wird sie erst dann erkannt, wenn sie zusammen mit akuten oder chronischen Erkrankungen auftritt, die einen Klinikaufenthalt erforderlich machen: Der Anteil der betroffenen älteren Menschen in Kliniken wird auf circa zwei Drittel geschätzt.
Ernährungstherapeutin Kristin Quaas vom Universitätsklinikum Leipzig kommt deshalb häufig mit Menschen in Kontakt, die eine Mangelernährung aufweisen. Im Interview mit PTAheute erzählt sie, wie das Ernährungsteam der Uniklinik bei Mangelernährung vorgeht und welche Maßnahmen sinnvoll sind und den Patienten im Alltag weiterhelfen können.
Liebe Kristin, wann spricht man von einer Mangelernährung?
Eine Mangelernährung im Alter kann man nicht so einfach feststellen, denn es gibt keinen alleinigen Wert, der sie beschreibt. Man verwendet hier verschiedene Scores, die anhand bestimmter Kriterien darauf hinweisen, dass eine Mangelernährung vorliegen könnte.
Drei Fragen sind dabei wichtig:
- Hat der Patient in den letzten drei Monaten merklich Gewicht verloren?
- Hat die Person innerhalb der letzten Woche deutlich weniger Nahrung aufgenommen?
- Liegt der Body-Maß-Index (BMI) unter 20,5?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Untergewicht grundsätzlich über einen BMI von unter 18,5. Bei älteren Menschen wird jedoch häufig bereits ein BMI unter 20,5 als auffällig bewertet.
Auch ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust von zehn Prozent des Körpergewichts innerhalb eines Jahres kann auf eine Mangelernährung hinweisen. Alles Gründe, auf Ursachenforschung zu gehen.
Wann ist das Risiko für Mangelernährung denn erhöht?
Grundsätzlich steigt das Risiko ab einem Lebensalter von 65 Jahren an und wird dann mit den folgenden Jahren immer höher. Ab 80 Jahren wird es nochmals relevanter, da zudem Sarkopenie (Muskelschwund) und Gebrechlichkeit wahrscheinlicher werden – das spielt am Ende alles zusammen.
Die Gefahr einer Mangelernährung steigt, wenn die aufgenommene Nahrungsmenge anhaltend deutlich reduziert ist oder sich der Kalorienbedarf erhöht. Warum die Menschen weniger essen, kann zahlreiche Ursachen haben.
Was können typische Ursachen für Mangelernährung im Alter sein?
Einige Gründe sind altersbedingt: Der Speichel wird weniger, was Schluck- und Kauprobleme verursachen kann. Außerdem lässt bei vielen Menschen die Lust aufs Essen nach, da Geruchs- und Geschmackssinn nicht mehr so stark ausgeprägt sind.
Den Betroffenen fällt es deutlich schwerer, einen Einkauf zu absolvieren, selbst zu kochen oder aufgrund nachlassender Griffkraft Mahlzeiten zuzubereiten. So greift man vielleicht seltener zu Snacks und üppigen Speisen als früher. Altersarmut kann dabei auch eine Rolle spielen. Fällt das Essen schwerer, zieht man sich häufiger zurück und isst beispielsweise aus Scham nicht mehr unter anderen Leuten.
Grundsätzlich leben in Deutschland viele ältere Menschen eher isoliert und verbringen weniger Zeit mit Freunden und Familie. Eine Mangelernährung kann auch psychische Gründe haben, ausgelöst durch anhaltenden Stress, Trauer oder Traumata.
Gibt es auch Erkrankungen oder Medikamente, die eine Mangelernährung bedingen können?
Ja, die gibt es. In der Klinik sehe ich häufig onkologische Patienten, die entweder aufgrund des Tumors selbst oder der Therapie in eine Mangelernährung geraten. Andere Arzneimittel beeinflussen u. a. die Verdauung oder den Appetit, beispielsweise Opiate oder Metformin. Und dann gibt es Medikamente, die zu Mundtrockenheit beitragen oder den Antrieb mindern können.
Aber auch bei einer fortgeschrittenen chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) kann es zu einer Mangelernährung kommen. Die Erkrankung ist sehr zehrend und kann Schluckprobleme begünstigen. Hier kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass eine Überweisung zur Logopädie helfen kann, um das Essen wieder zu erleichtern.
Außerhalb der Klinik spielen auch weitere Erkrankungen eine Rolle, etwa Demenz, Magen-Darm-Erkrankungen oder solche, die Immobilität verursachen.
Gut zu wissen: Mangelernährung krankheits- oder altersbedingt?
Für die Einordnung einer Mangelernährung sind vor allem Ursache, Dauer des Gewichtsverlusts und das Alter wichtig. Sie helfen dabei, eine altersbedingte von einer krankheitsbedingten Mangelernährung zu unterscheiden.
Isst jemand seit Monaten weniger, weil der Hunger nachlässt, ist das anders zu bewerten als ein Verlust von 20 Kilogramm trotz normaler oder sogar hoher Nahrungsaufnahme.
Auch fünf Kilogramm Gewichtsverlust nach einem grippalen Infekt können relevant sein, wenn das Gewicht trotz wieder normalem Essen nicht zurückkehrt. Solche Angaben können zudem Hinweise auf Essstörungen geben.
Welche Anzeichen gibt es für eine Mangelernährung?
Es kann optische Anzeichen geben. Man bemerkt zum Beispiel eine locker sitzende Uhr am Handgelenk, weil ein heller sonnenbedingter Abdruck von der Uhr an einer anderen Stelle auftaucht.
Manchmal sitzt die Kleidung sehr weit oder man erkennt anhand von Abdrücken – vor allem in der Klinik –, dass die Gürtelschnalle enger gemacht wurde. Mangelernährung kann auch die Anatomie des Kiefers verändern, weshalb der Zahnersatz nicht mehr richtig sitzt.
Wie handhabt ihr Mangelernährung in der Klinik?
Zuerst sollte man die möglichen Ursachen angehen und, wenn möglich, beseitigen oder behandeln. Nimmt der Patient sehr viele Medikamente ein, spreche ich meist unsere Klinikapotheke an, ob man hier optimieren kann. Viele Patienten fühlen sich durch die vielen Mittel schnell „voll“ und essen dann weniger.
Und dann versuchen wir, den Alltag zu optimieren: Kann man die Essenauswahl erweitern oder die Mahlzeiten an einer anderen Stelle im Raum platzieren? Es hilft auch, Angehörige mit einzubeziehen und sie zu bitten, Snacks mitzubringen bzw. anzubieten und darauf hinzuweisen, dass es einen Patientenkühlschrank gibt.
Und wird auch die Ernährung selbst angepasst?
Im nächsten Schritt schauen wir uns an, was genau gegessen wird und was daran optimiert werden kann. Wichtige Bereiche sind hier die Kalorien, die Menge der Proteine, Ballaststoffe und eine ausreichend hohe Trinkmenge.
Individuell kommt dann auch Trinknahrung bzw. Pulver in Frage. Grundsätzlich sollten immer erst alle oralen Ernährungsstrategien ausgeschöpft werden, bevor andere Maßnahmen, wie eine parenterale Ernährung, in Erwägung gezogen werden.
Wie schätzt du die Akzeptanz von Trinknahrung ein?
Trinknahrung wird unterschiedlich gut von den Patienten angenommen. Wir stellen immer wieder fest, dass die erste Heranführung wichtig für den Erfolg ist. Diesen Part übernehmen in der Apotheke häufig auch PTA, wenn Patienten mit einem Rezept vor ihnen stehen.
Generell sollte ein positives Gefühl vermittelt werden, kombiniert mit nützlichen Tipps für den Alltag. Es kann beispielsweise einen riesigen Unterschied im Geschmack machen, ob das Produkt schön kühl ist oder Raumtemperatur besitzt.
Außerdem gibt es mittlerweile eine große Auswahl an Produkten, die von Trinklösung über Pudding, bis hin zu Pulver reichen. Es gibt Kaffee- und Vanillegeschmack sowie neutrale oder fruchtige Varianten. Man kann sie teilweise sogar zum Kochen und Backen verwenden. Die Hersteller haben auf ihren Websites zahlreiche Rezeptvorschläge, welche man den Kunden mit an die Hand geben kann. Wir probieren da in der Klinik auch viel aus, das kann den Alltag für die Patienten deutlich erleichtern.
Beratungstipp: Trinknahrung kreativ in der Küche einsetzen
Roter Smoothie
Zutaten für 1 Portion:
1 Flasche Fortimel Protein 2 kcal Erdbeere, je 25 g gefrorene Himbeeren und Heidelbeeren, 25 g Wasser sowie etwas Zimt, Zitronensaft oder Minze nach Bedarf.
Zubereitung: Alle Zutaten im Mixer fein pürieren.
Schoko-Nuss-Muffins
Zutaten für 12 Muffins:
200 ml Fresubin 3.2 Kcal Drink Haselnuss-Geschmack, 100 g gehackte Haselnüsse, 250 g Mehl, 50 ml Buttermilch, 100 g dunkle Schokoladen-Drops, 100 ml Sonnenblumenöl, 1 Ei (44 g), 1 Päckchen Backpulver (16 g), 100 g Schokolade und 60 g Zucker.
Zubereitung:
Trockene Zutaten mischen. Ei, Trinknahrung, Buttermilch und Öl verrühren, zu den trockenen Zutaten geben und vermengen. Den Teig auf ein Muffinblech mit 12 Mulden verteilen und bei 170 °C Umluft etwa 20 bis 25 Minuten backen. Nach dem Abkühlen mit geschmolzener Schokolade verzieren.
Welche Maßnahmen können für den Alltag noch empfohlen werden?
Man sollte immer im Hinterkopf haben, dass eine vollwertige Ernährung in Kombination mit sozialen Kontakten und Bewegung langfristig eine wichtige Grundlage für ein langes und gesundes Leben darstellt. Deshalb ist es so wichtig, eine Mangelernährung einerseits zu erkennen und andererseits ernst zu nehmen.
Wird die Mangelernährung nicht erkannt, kann das Voranschreiten einer Sarkopenie beschleunigt werden und die Betroffenen erholen sich deutlich langsamer, etwa nach Operationen oder Verletzungen.
Zusätzlich zu den genannten Ansätzen sind die Betroffenen im Alltag oft auf Hilfe von Angehörigen oder Pflegepersonal angewiesen. Auch eine Einkaufshilfe kann unterstützen. Bei Mundtrockenheit können Speichelersatzprodukte in Erwägung gezogen werden und auf Zahnbehandlungen und Mundpflege ist Wert zu legen. Auch soziale Interaktionen und gemeinsames Essen können helfen.
Welche abschließenden Tipps gibst du PTA für das Beratungsgespräch mit?
PTA haben den Vorteil, dass sie viele Kunden schon lange kennen und mit der Medikation und möglichen Erkrankungen vertraut sind. Zeigen sich Anzeichen einer Mangelernährung oder wird beispielsweise eine Packung Trinknahrung verlangt, kann man versuchen, das Gespräch zu öffnen. PTA können nach aktuellen Herausforderungen im Alltag fragen oder ob der Betroffene in letzter Zeit ungewollt abgenommen hat.
Dann ist ein Besuch in der ärztlichen Praxis empfehlenswert. Wird eine Mangelernährung festgestellt, kann der Arzt eine Notwendigkeitsbescheinigung ausfüllen. Damit hat der Patient die Möglichkeit, von der Krankenkasse eine therapeutische Ernährungsberatung erstattet zu bekommen.
Außerdem sollten Kunden, die Trinknahrung kaufen möchten, darauf hingewiesen werden, dass die Krankenkassen auch hier bei vielen chronischen Erkrankungen eine Therapie erstatten.
Zudem kann auf die große Bandbreite an Trinknahrung hingewiesen und am Ende des Beratungsgesprächs eine kleine Handnotiz als Erinnerung ausgehändigt werden – als Gedankenstütze, um das Thema das nächste Mal ärztlich anzusprechen.
Gut zu wissen: Ernährungsscreening im Krankenhaus
Der Bundestag hat ein verpflichtendes Ernährungsscreening für stationär aufgenommene Erwachsene auf den Weg gebracht. Denn bis zu 30 Prozent der Krankenhauspatienten – überwiegend ältere Menschen – sind mangelernährt oder weisen ein erhöhtes Risiko dafür auf.
Das Krankenhausreformanpassungsgesetz beauftragt den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), bis Ende 2027 eine Qualitätsrichtlinie zu entwickeln.
Sie soll festlegen, wie Mangelernährung bereits bei der Krankenhausaufnahme systematisch erkannt wird, welches qualifizierte Personal nötig ist und wie die weitere Therapieplanung erfolgen soll.
Quellen:
https://www.dgem.de/bundestag-beschliesst-ernaehrungsscreening
https://register.awmf.org/assets/guidelines/073-019l_S3_Klinische-Ernaehrung-Hydrierung-im-Alter_2025-09.pdf
https://www.dgem.de/sites/default/files/PDFs/Screening/Nutritional%20Risk%20Screening.pdf
https://www.fresubin.com/de/rezepte