Ein genialer Marketing-Trick verzaubert das menschliche Gehirn: Während „gesundes Gemüse“ oder „Vollkorn“ eher abschreckend und lustfeindlich klingen, lässt der Begriff „Superfood“ die Herzen höher schlagen. „Superfoods“ gelten als hip und cool. Selbsternannte Ernährungsfachleute versprechen die Lösung aller Gesundheitsprobleme, Gewichtsabnahme meist inbegriffen. Was steckt hinter den als Superfoods gepriesenen Produkten? In dieser Serie wollen wir die am meisten beworbenen und beliebtesten „Superfoods“ unter die Lupe nehmen.
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Aronia – die „Gesundheitsbeere“

Die wild wachsenden Aroniabeeren – auch Apfelbeeren genannt – sind, wie auch andere dunkle Beeren, beliebte Leckerbissen für Zugvögel. Vogelkundler betrachteten dies als Indiz dafür, dass diese mit Stoffen gefüllt sein müssen, die die Vögel für ihren anstrengenden Weg in südliche Gefilde fit machen.
Immer auf der Suche nach neuen und interessanten pflanzlichen Substanzen, unternahmen Wissenschaftler Laborversuche mit isolierten Stoffen aus Aroniabeeren.
Die veröffentlichten Ergebnisse wurden in der Folge von Marketingexperten so umgedeutet, dass die Aronia gleichsam zur Wunderbeere mutierte, deren Verzehr alle nur vorstellbaren gesundheitsfördernden Wirkungen zeigen soll.
Seit einigen Jahren ist eine Vielzahl von Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetikprodukten auf dem Markt, die Aroniabeeren enthalten. Zum Kauf angeboten werden die Beeren getrocknet, als Teezubereitung sowie in Form von Kapseln, Pulver, Direktsaft oder Trinkampullen.
Es gibt auch Aroniakonfitüren, oft in Kombination mit anderen Obstsorten, sowie Aroniapasten und -riegel.
Winterfeste Strauchpflanze mit dunkelvioletten Aroniabeeren
Die Apfelbeeren (Aronia) sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae), die drei Arten mit ähnlichen Eigenschaften umfasst: Kultiviert werden die Schwarze Apfelbeere (Aronia melanocarpa) und die Filzige Apfelbeere (Aronia arbutifolia); daneben kommt wild die Pflaumenblättrige Apfelbeere (Aronia × prunifolia) als Hybride vor.
Die sommergrünen, robusten Strauchpflanzen wachsen in der Regel ein bis zwei Meter hoch und blühen erst im Mai, was sie vor Spätfrösten schützt.
Aus den weißblütigen Schirmdolden entwickeln sich dunkelviolette, fast schwarze, mit einer wachsartigen Schicht überzogene Scheinbeeren. An einer Dolde hängen bis zu 30 Früchte, die ungefähr so groß sind wie Kulturheidelbeeren. Sie werden im August geerntet.
Schneidet man eine Beere auf, zeigen die symmetrisch um die Mitte angeordneten Samen eine Ähnlichkeit mit dem Kerngehäuse eines Apfels, was wahrscheinlich zur Bezeichnung „Apfelbeere“ geführt hat.
Die bis zu acht Zentimeter langen, ellipsenförmigen Laubblätter färben sich im Herbst leuchtend rot. Im Winter trägt der Aroniastrauch spitze, auffallend weinrote Winterknospen. Schnee und Frost sind für die Pflanze kein Problem, sie überwintert bei Temperaturen von bis zu –35 Grad.
Aronia: von der Indianerheilkunde zur „Gesundheitsbeere“
Ursprünglich war die Aronia in Nordamerika beheimatet, doch seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird sie auch in Europa, vor allem Osteuropa, kultiviert.
Die nordamerikanischen Indianer nutzten die Aronia als Heilpflanze, die Osteuropäer knüpften daran an. Denn die anspruchslosen Sträucher ließen sich auch in klimatisch wenig begünstigten Regionen anbauen und lieferten Früchte, die sich für den Winter konservieren ließen.
Über Osteuropa gelangte die Aronia in den 1970er-Jahren in die ehemalige DDR, wo die dunklen Beeren von der Lebensmittelindustrie als natürlicher Pflanzenfarbstoff genutzt wurden.
In den 1990er-Jahren ging das Interesse an der Pflanze zurück, weil sich den herb-sauren Früchten geschmacklich nicht viel abgewinnen ließ. Doch spätestens seit den 2010er-Jahren erlebt die Aronia eine Renaissance als „Gesundheitsbeere“.
Wiederentdeckt von der einfallsreichen Nahrungsergänzungsmittelindustrie und unterstützt durch kreatives Marketing, wurden Aroniaplantagen zu einem lukrativen Nischengeschäft für innovationsfreudige Landwirte.
Aroniabeeren sind vitaminreich, aber herb
Aroniabeeren werden vor allem zu Marmelade, Saft und Püree beziehungsweise Pasten verarbeitet, aber auch als Trockenfrüchte angeboten und von der Lebensmittelindustrie als natürliches Färbemittel zum Beispiel in Süßwaren eingesetzt. Frische Beeren können Zähne und Zunge blau färben.
Aroniabeeren sind reich an Vitaminen, vor allem Folsäure und anderen B-Vitaminen, Vitamin K, Vitamin C, sowie an Mineralstoffen, insbesondere Kalium, Calcium, Magnesium, Zink, Jod, Eisen.
Ihr Gehalt an antioxidativ wirkenden Polyphenolen und Anthocyanen ist hoch, das antioxidative Potenzial entspricht etwa dem von Blaubeeren, Cranberrys und Preiselbeeren.
Der gesundheitsfördernden Wirkung dieser sekundären Pflanzenstoffe steht die nicht immer erwünschte Wirkung der Gerbstoffe entgegen. Letztere bestimmen den herb-adstringierenden Geschmack der Aroniabeere und können bei empfindlichen Menschen Bauchschmerzen verursachen.
Die Verträglichkeit ist oft besser, wenn man getrocknete Aroniabeeren oder reinen Aroniasaft zu oder nach einer Mahlzeit verzehrt.
Wirkungen der Aronia-Inhaltsstoffe
In der Pflanze haben Anthocyane die Aufgabe, das kurzwellige UV-Licht der Sonne zu absorbieren, die Entstehung von freien Radikalen zu verhindern und so die in den Zellen vorhandenen Proteine inklusive der Zellkerne zu schützen.
Gerbstoffe verdichten die Zellmembranen und erschweren so das Eindringen von Bakterien und Pilzen ins Gewebe.
Die Eigenschaften isolierter Polyphenole aus Aroniabeeren wurden in den letzten Jahren an verschiedenen Forschungsinstituten untersucht. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (dkfz) schreibt dazu:
„In experimentellen Untersuchungen – an Zelllinien oder in Tierversuchen – wurden antioxidative, antimikrobielle, Immunsystem-stimulierende und leberschützende Eigenschaften der Aroniabeeren-Extrakte gezeigt. Isolierte Polyphenole aus Aroniabeeren zeigten an humanen Leberkrebszellenlinien antioxidative und antiproliferative Wirkung.
Auch in Studien mit Darm-, Brust-, Leukämie- und Zervixkrebszelllinien hemmten Aroniabeeren-Extrakte das Zellwachstum. Um zu prüfen, ob Aronia auch bei Menschen vor Krebs schützt, müssen jedoch klinische Untersuchungen durchgeführt werden. Diese stehen bisher aus.“
Auch zur antiviralen Wirkung von Aroniabeeren gibt es bisher nur Laborversuche, keine Humanstudien.
Noch nicht abschließend geklärt ist, inwieweit Aroniasaft den Fettstoffwechsel positiv beeinflusst, also LDL-Cholesterin- oder Triglyceridwerte senkt. Die Studie eines dänischen Forschungsteams aus dem Jahr 2022 zeigte, dass eher keine Wirkung erzielt wird, möglicherweise jedoch leichte Verbesserungen beim Blutzuckerspiegel.
Aroniabeere: Gesundheitsbezogene Werbeaussagen nicht erlaubt
Die nüchterne wissenschaftliche Einschätzung hindert selbst ernannte Gesundheitsexperten im Internet nicht daran, Aroniabeerenprodukte als wirksam gegen Krebs, zur Stärkung von Herz, Hirn und Immunsystem sowie als Schönheitsmittel anzupreisen.
Auf Verkaufsverpackungen sind Werbeaussagen allerdings verboten, die sich auf die Vorbeugung, Heilung oder Linderung von Krankheiten beziehen. Darauf weisen die Verbraucherzentralen ausdrücklich hin.
Bereits 2011 hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) festgestellt, dass die beantragten Werbeaussagen „Schutz vor oxidativen Schäden“ und „Stärkung der Blutgefäße“ wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind. Damit dürfen sie nicht verwendet werden.
Finden sich auf der Packung einer Aroniazubereitung Aussagen wie „für eine normale Herzfunktion“ oder „für eine normale Gehirnfunktion“, so beziehen sich diese Hinweise auf Omega-3-Fettsäuren als weitere Produktzutat, die nichts mit den Aroniabeeren zu tun hat und für die eine entsprechende Angabe erlaubt ist.
Ähnliches gilt für Aussagen zum Immunsystem: Diese beziehen sich meist auf zugesetztes Vitamin C, Vitamin B6, Selen oder Zink.
Hoher Gehalt von Sorbit in Aroniabeeren
Aroniasaft kann natürlicherweise bis zu zehn Prozent Sorbit enthalten – einen Zuckeralkohol, der auch als Zuckeraustauschstoff (E 420) verwendet wird. Bei getrockneten Aroniabeeren ist der Gehalt entsprechend höher.
Auf nüchternen Magen oder bei Menschen mit einem empfindlichen Magen-Darm-Trakt kann der hohe Sorbitanteil Probleme wie Durchfall, Blähungen, Übelkeit und Bauchschmerzen bereiten.
Blausäuregehalt in Aroniabeeren problematisch?
Darüber hinaus findet man in den Kernen der Aroniabeeren Amygdalin, einen toxischen sekundären Pflanzenstoff, aus dem der Körper Blausäure freisetzt. Die Gefahr einer Blausäurevergiftung ist jedoch beim Verzehr üblicher Mengen zu vernachlässigen und nimmt durch Verarbeitung der Beeren ohnehin ab.
Laut Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (Max Rubner-Institut) ist ein regelmäßiger Verzehr von Produkten aus Aroniabeeren (Saft, Konfitüre, Gelee oder getrocknete Früchte) hinsichtlich des Blausäuregehaltes unproblematisch, und auch der Genuss einer kleinen Portion frischer Beeren wird als unbedenklich angesehen.
Arsengehalt in Aroniasäften geprüft: Bio-Produkte zu empfehlen
Eine etwaige Belastung von Aroniaprodukten mit Schwermetallen wurde im Jahr 2023 in einer polnischen Studie untersucht. Dafür analysierten die Forscher Aroniasäfte (ökologisch, konventionell, aus Konzentrat und nicht aus Fruchtkonzentrat) sowie alle in Polen erhältlichen Aroniapulver im Hinblick auf die Gehalte an Arsen, Quecksilber, Cadmium, Blei und zusätzlich Nitrat/Nitrit.
Als einzige Auffälligkeit wurden signifikante Unterschiede im Arsengehalt zwischen Säften aus konventionellem beziehungsweise ökologischem Anbau festgestellt, aber alle unterhalb der Höchstmengen. Die Studienautoren empfehlen in Polen Bio- und Direktsäfte.
Gut zu wissen: Mögliche Nebenwirkungen von Aroniabeeren
Nach dem Verzehr von Aroniabeeren beziehungsweise -saft können Bauchschmerzen oder Verstopfung auftreten.
Wer Nahrungsergänzungsmittel mit Aronia verwenden möchte, sollte die Verzehrsempfehlung des Herstellers nicht überschreiten.
Krebspatienten sollten Aroniapräparate nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt einnehmen.
Vorsicht bei Eisenmangel: Die Gerbstoffanteile der Aroniabeere können Eisen binden und so dessen Resorption im Körper behindern.
Auch Wechselwirkungen mit Arzneimitteln sind möglich. So müssen beispielsweise Patienten, die Antikoagulanzien einnehmen, den Vitamin-K-Gehalt von Aroniabeeren berücksichtigen.
Aroniabeeren auch aus Deutschland: auf Label achten
Vorteilhaft ist, dass Aroniabeeren nicht erst um die halbe Welt reisen müssen, um in Deutschland auf dem Tisch zu landen. Die Aroniabeeren, die zu Saft verarbeitet werden, kommen zum größten Teil aus Osteuropa. Darauf deutet ein Hinweis „aus EU-Landwirtschaft“ hin.
In Deutschland gibt es die meisten Aronia-Plantagen in Brandenburg und Sachsen. Deren Produkte sind gekennzeichnet mit dem Label „aus deutscher Landwirtschaft“. Je nach Herkunft können Aroniabeeren mit Pestiziden belastet sein. Wer auf Bio-Qualität Wert legt, sollte auf verlässliche Bio-Siegel achten.
Getrocknete Aroniabeeren enthalten pro 100 Gramm Früchten circa 22 Gramm Zucker. Wer Säfte kauft, sollte – wegen der höheren Qualität – Direktsaft bevorzugen.
Grundsätzlich kann der Verzehr von Aronia zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung beitragen. Die als gesundheitsfördernd bewerteten Anthocyane sind jedoch auch in Heidelbeeren, Brombeeren, Fliederbeeren oder Rotkohl enthalten, die meist preisgünstiger angeboten werden.
Nahrungsergänzungsmittel mit Aronia-Extrakten
In Nahrungsergänzungsmitteln werden verschiedene Fruchtextrakte und -pulver aus Aroniabeeren, getrocknete Trester (Rückstände aus der Saftgewinnung) und Saftkonzentrate verwendet.
Diese Extrakte sind anders als bei pflanzlichen Arzneimitteln in ihrer Zusammensetzung weder eindeutig definiert noch standardisiert.
Die Verbraucherzentralen weisen außerdem darauf hin, dass die in der Zutatenliste von Nahrungsergänzungsmitteln angegebenen Vitamine und Mineralien meist nicht aus der Aroniabeere stammen, sondern der Rezeptur hinzugefügt wurden. Das ist zwar der Zutatenliste zu entnehmen, wird aber vom Verbraucher oft nicht wahrgenommen.
Grundsätzlich gilt – wie für viele andere Superfoods, die in arzneimittelähnlicher Aufmachung angeboten werden: Einzelne Pflanzenbestandteile als Nahrungsergänzung einzunehmen, bringt keine gesundheitlichen Vorteile.
Wer regelmäßig und abwechslungsreich Gemüse und Obst auf seinen Speiseplan setzt, ist ausreichend mit sekundären Pflanzenstoffen und Antioxidantien versorgt. Quellen (Autor ak):
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/trendbeere-aronia-7899
https://de.wikipedia.org/wiki/Apfelbeeren
https://herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/gesund-bleiben/bluthochdruck/aroniasaft
Auf einen Blick:
- Seit etwa 2010 erlebt die in Europa angebaute Aronia eine Renaissance als „Gesundheitsbeere“. Sie enthält Vitamine und Mineralstoffe, Polyphenole und Anthocyane.
- In experimentellen Untersuchungen – an Zelllinien oder in Tierversuchen – wurden antioxidative, antimikrobielle, immunsystemstimulierende und leberschützende Eigenschaften der Aroniabeeren-Extrakte gezeigt. Untersuchungen, ob Aronia auch Menschen vor Krebs schützt, gibt es nicht.
- Der gesundheitsfördernden Wirkung der sekundären Pflanzenstoffe steht die nicht immer erwünschte Gerbstoffwirkung entgegen. Darüber hinaus findet man in den Kernen der Aroniabeeren Amygdalin, aus dem Blausäure freigesetzt werden kann. Allerdings ist der Verzehr von frischen Aroniabeeren unbedenklich, wenn die Portionen klein sind.
- Gesundheitsbezogene Aussagen zu Aronia-Produkten sind nicht erlaubt.
- Grundsätzlich kann der Verzehr von Aronia zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung beitragen. Anthocyane sind jedoch auch in Heidelbeeren, Brombeeren, Fliederbeeren oder Rotkohl enthalten.